Trump friedlich | CDU hört zu
 
DAS MORNING BRIEFING
26.07.2018
 
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Guten Morgen,
Donald Trump hat heute Nacht den Rückwärtsgang eingelegt. Das Rendezvous mit Wladimir Putin im Weißen Haus wird auf das Jahr 2019 verschoben. Bis „die Hexenjagd“ vorbei sei, sagt Trump. Seine Gegner toben nun erst recht; sie halten die Giftpfeile in der Hand und haben ihre Zielscheibe verloren.

Auch der Handelskrieg mit der europäischen Union wird nach dem Gespräch mit EU-Kommissionspräsidenten Juncker erstmal abgeblasen: Europa kauft mehr Sojabohnen aus den USA und baut Terminals für die Einfuhr von US-Flüssiggas. Die Importzölle auf Autos von Mercedes-Benz und Co. werden im Gegenzug auf Eis gelegt. Trump hat heute Nacht von Krawall auf Kompromiss umgeschaltet. Der Mann spielt zeitgleich oft zwei Rollen: Er bestätigt Klischees, um sie in der nächsten Szene zu widerlegen.
 
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CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer hat ihre Zuhör-Tour durch Deutschland beendet. Das Fazit nach über 40 Bürgergesprächen: „Viele haben beklagt, dass der Staat sich Regeln gibt und sie dann selbst nicht einhält.“ Zumindest das Hörorgan der CDU scheint intakt. Jetzt muss die Botschaft nur noch vom Ohr ins politische Gehirn durchdringen.
 
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Die Deutsche Bank hatte sich nach der Finanzkrise vorgenommen, einerseits riskante Geschäfte mit Hedgefonds einzustellen und den spekulativen Eigenhandel aufzugeben. Andererseits wollte sie sich wieder verstärkt um den Mittelstand, um Freiberufler und Besserverdiener kümmern. Ziel eins ist vollzogen. Bei Ziel zwei hapert es.

• Der Quartalsgewinn schrumpfte um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
• Der Gewinn mit Privat- und Geschäftskunden sackte um 23 Prozent nach unten.
• Bei Fondstochter DWS leuchtet die Warnlampe. Im zweiten Quartal in Folge meldet der Vermögensverwalter Nettoabflüsse von Kundengeldern. Knapp 5 Milliarden Euro zogen Kunden zwischen April und Juni ab. Im ersten Quartal waren es 7,8 Milliarden Euro.
 
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Dahinter steckt ein anhaltender Vertrauensschwund, den nicht der jetzige Vorstand allein zu verantworten hat. Die Bank dachte lange, sie sei alternativlos, dabei war sie nur arrogant. Die Bank glaubte, sie sei Deutschland, dabei war sie nur ein Dienstleister. Die Rechnung für diese Selbstüberschätzung wird nun mit Zeitverzögerung zugestellt. Oder um es mit dem ehemaligen Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen zu sagen: „Vertrauen kommt zu Fuß und flieht zu Pferde.“
 
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Die deutsche Volkswirtschaft ist im „World Competitiveness Ranking“ des Lausanner „International Institutes for Management Development“ vom sechsten Platz im Jahr 2014 auf Rang 14 abgerutscht. Bei der digitalen Wettbewerbsfähigkeit belegt das Land nur noch den 17. Platz. Wenn nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch unser Land ein Zeugnis bekäme, müsste am heimischen Küchentisch jetzt eine Krisensitzung stattfinden. Vor allem das, was unterhalb der Noten steht, sollte bekümmern – Beteiligung: mangelhaft. Einsatzfreude: ungenügend. Versetzung ins Digitalzeitalter: gefährdet.
 
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Professor Bert Rürup hat jetzt in einer Rede darauf aufmerksam gemacht, dass es zwischen dieser Mittelmäßigkeit und der ultraleichten Geldpolitik einen Zusammenhang gibt: EZB-Präsident Mario Draghi, der auf der heutigen Sitzung des EZB-Rates seine Politik der Nullzinsen fortsetzen wird, sorge dafür, dass selbst Firmen ohne funktionierendes Geschäftsmodell an frisches Geld kämen. Diese Geldpolitik, sagt Rürup, sei ein idealer Nährboden für das Entstehen und das Überleben von sogenannten Zombie-Unternehmen. Das billige Geld ist demnach das Blut dieser Firmen. Prädikat gruselig.
 
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Facebook hat die Wall Street heute Nacht enttäuscht. Die Aktie fiel im nachbörslichen Handel um zwischenzeitlich 20 Prozent. Was war passiert? Facebook wächst, aber langsamer als viele Analysten glaubten. Der Umsatz stieg zwar um 41 Prozent auf 13,23 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn belief sich auf 5,11 Milliarden US-Dollar. Doch das Irreale an der Börse sind oft nicht die Firmen und ihre Werte, sondern die Investoren und ihre Erwartungen. Jeder spinnt für sich allein.

• Die Zahl der neuen Fans für das blaue Imperium stieg auf nur 2,23 Milliarden. Analysten hatten einer Analyse von Thomson Reuters zufolge auf eine Summe von 2,25 Milliarden spekuliert.
• Auch der Umsatz lag unter den Erwartungen. Er stieg um 41,9 Prozent auf 13,23 Milliarden US-Dollar. Zuvor waren Analysten von einem Umsatz in Höhe von 13,36 Milliarden US-Dollar ausgegangen.
• Im vergleichbaren Vorjahresquartal lag der Umsatz noch bei 9,32 Milliarden US-Dollar.
 
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Die Auftragsbücher sind voll: Der europäische Flugzeughersteller Airbus dürfte heute solide Quartalszahlen präsentieren. Auf Konzernchef Tom Enders ist seit Langem Verlass. Der Mann hat trotz Schönwetterperiode nicht auf Autopilot geschaltet. Er weiß: Gerade in der Flugzeugindustrie drohen jederzeit Luftlöcher.
 
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Bei der Deutschen Bahn AG ergibt sich ein gänzlich anderes Bild. Der Güterverkehr auf der Schiene ist ein Sanierungsfall. DB Cargo macht im ersten Halbjahr 127 Millionen Euro Verlust. Das Gesamtergebnis vor Zinsen und Steuern schrumpft im bisherigen Geschäftsjahr um 17 Prozent.
 
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Besonders ärgerlich für die Passagiere: Das für 2018 angepeilte Ziel von 82 Prozent pünktlichen Fernzügen gibt Vorstandschef Richard Lutz jetzt schon auf. Der Mann kann es in Sachen Ambitionslosigkeit mit unserem Fußballnationaltrainer aufnehmen. Verlieren, ohne zu kämpfen. Großer Verdienst bei mikroskopischer Leistung. Lutz hat sich das Vorstandsbüro offenbar als Schlafwagen eingerichtet.

Ich wünsche auch Ihnen einen geruhsamen Start in den Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor