Trump als Maulheld | ThyssenKrupp vor Umbau
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Guten Morgen ,

am Firmament der Parteipolitik ist in diesen Tagen ein seltenes Naturspektakel zu beobachten: Der Stern von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer beginnt zu verglühen, bevor er überhaupt in den Himmel der großen Politiker aufgestiegen ist. Nach der gewonnenen Wahl auf dem CDU-Parteitag dachte AKK, sie sei die Supernova der Konservativen. Am Ende war sie womöglich nur deren Sternschnuppe.

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Eine regelrechte Anti-AKK-Bewegung ist in Gang gekommen: Nur noch elf Prozent der Wähler trauen ihr – laut einer Umfrage des Forschungsinstituts Insa – die Kanzlerschaft zu. Auch bei den Unionswählern stößt sie mehrheitlich auf Ablehnung: 56 Prozent der eigenen Wähler trauen ihr die Führung des Landes nicht zu. 24 Prozent sind unentschieden. Nur 20 Prozent sagen Ja zu einer Kanzlerin Kramp-Karrenbauer (siehe Grafik).

Die Frage, die nun das Gemüt vieler in der Partei bewegt, lautet: Wie werden wir Kramp-Karrenbauer als Kandidatin los, ohne dass die Union Schaden nimmt. Gesucht wird eine Verabschiedung, die nicht nach Abschiebung aussieht. In der Wirtschaft nennt man das, wonach jetzt gefahndet wird, eine Exit-Strategie.

Am erfindungsreichsten war bislang die Junge Union (JU). Deren Chef, Tilman Kuban, fordert eine Urwahl, womit die Parteivorsitzende sich erneut dem Wettbewerb stellen müsste. Der Lorbeerkranz, den sie bereits sicher glaubte, stünde zur Disposition.

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Im Morning Briefing Podcast  kommen heute sechs Unionspolitiker zu Wort: zwei Bundestagsabgeordnete, der CDU-Landesvorsitzende aus Thüringen, ein Mitglied des CDU-Bundesvorstands, der JU-Chef aus Bayern und eine Vertreterin der Frauen Union. Das Ergebnis: sechs Menschen, sechs Meinungen. Als bevorzugte Kanzlerkandidaten werden Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Nordrhein-Westfalens Regierungschef Armin Laschet und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn genannt.

Fazit: CDU und CSU müssen sich dieser Debatte nicht schämen. Ausgangspunkt ist ja nicht allein die Unzufriedenheit mit der Bundesvorsitzenden, sondern mindestens in gleichem Umfang das veritable Angebot an Führungsfiguren – das von Söder über Laschet und Spahn bis zum Wirtschaftsexperten Friedrich Merz reicht. Diese Debatte wirkt nicht zersetzend, sondern belebend. Manche nennen es auch Demokratie. 

 
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US-Präsident Donald Trump will die im Norden von Syrien, also an der Grenze zur Türkei, stationierten rund 2000 US-Soldaten abziehen. Er sagt: 

Die Zeit der lächerlichen, endlosen Kriege ist vorbei.“

Plötzlich fällt auf, dass eine Welt ohne Weltpolizist kein besserer Ort ist. Schon warnt die UN vor einer Eskalation – konkret einer Vertreibung der kurdischen Zivilbevölkerung durch einen Einmarsch des türkischen Militärs.

Die Soldaten der USA werden nun durch Drohungen der USA ersetzt. Der republikanische Senator Lindsey Graham sagt, man sei sich einig, dass der Senat Sanktionen gegen die Türkei beschließen werde, sollte Ankara jetzt als Folge des US-Abzugs in Nordsyrien einmarschieren.

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Trump bediente sich seiner schärfsten Waffe. Auf Twitter schrieb er:

Falls die Türkei irgendetwas unternimmt, was ich, in meiner großen und unerreichten Weisheit, für tabu erachte, werde ich die Wirtschaft der Türkei vollständig zerstören und auslöschen.“ 

Welt in Unordnung: Der Weltpolizist geht – und kehrt als Maulheld zurück.

 
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Sitzblockaden, Protestcamps, gesperrte Straßen: Die Aktivisten der in Glutrot gekleideten Klimaschutzbewegung Extinction Rebellion, zu deutsch „Rebellion gegen das Aussterben“, beherrschen die Methoden des zivilen Ungehorsams:

► Etwas mehr als 1000 Aktivisten legten gestern mehrere Hauptverkehrsadern in Berlin lahm. Auch in anderen Städten, zum Beispiel in Amsterdam, New York und London, blockierten die selbsternannten „Rebellen“ Straßen und Plätze.

► Mehrfach kam es zu Festnahmen: 217 in London, 50 in Amsterdam, 27 in New York, in Berlin gingen die Protestler straffrei aus.

► Vergangenen Monat, ebenfalls in London, versuchten Teile der Gruppe den Flugverkehr mit Drohnen lahmzulegen. Die Polizei nahm Mitgründer Roger Hallam kurzzeitig fest.

Er ist der anarchistische Bruder von Greta Thunberg. Sie redet, er zündelt. Sie fordert, er sendet verstörende Botschaften: Klimaschutz sei „größer als die Demokratie“, sagte er jüngst im „Spiegel“. 

Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant.“

Damit befindet sich die noch junge Klimaschutzbewegung an einer Weggabelung, an der schon andere außerparlamentarische Protestbewegungen standen. Rechts herum führt der mühsame Marsch durch die Institutionen. Links herum wartet die Schlucht der Gewalt.

 
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Beim Stahlkonzern ThyssenKrupp blinken die Alarmleuchten leuchtend rot:

► Seit Januar 2018 hat der größte deutsche Stahlhersteller rund die Hälfte seines Börsenwerts verloren.

► Innerhalb von zehn Jahren ist der Konzernumsatz um rund 20 Prozent auf knapp 43 Milliarden Euro gefallen.

► Im Vergleich zu 3,6 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2007/2008 rangiert das Konzernergebnis (Ebit) im Geschäftsjahr 2017/2018 bei nur noch rund einer Milliarde Euro – das ist ein Rückgang von 71 Prozent.

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dpa
 

Nach nur einer Woche im Amt versucht Interims-Konzernchefin Martina Merz das Ruder herumzureißen: Sie leitet eine der größten Umbauaktionen in der Konzerngeschichte ein, wie das „Handelsblatt“ exklusiv berichtet. Heute will Merz die 150 obersten Führungskräfte persönlich über ihre Pläne informieren:

► Demnach werden zwei Teilbereiche, die Komponentenfertigung und der Anlagenbau, abgewickelt und veräußert. Von dem Umbau ist jeder Dritte der insgesamt 160.000 Mitarbeiter betroffen. 

► Auch die lukrative Aufzugssparte steht auf der Verkaufsliste.

► In Zukunft will sich der Konzern – wieder – auf die Stahlerzeugung konzentrieren. Und auch hier soll verschlankt werden: 2000 Stellen verschwinden.

► Die Sparmaßnahmen treffen auch die Holding: Insgesamt sollen dort Kosten von 200 Millionen eingespart werden – nachdem der kürzlich gefeuerte Vorstandsvorsitzende nach mehreren Gewinnwarnungen und nur einem Jahr im Amt eben erst sechs Millionen Euro als Abfindung mit nach Hause nahm.

Das eben gehört zu den ewigen Ungerechtigkeiten der Marktwirtschaft: Im Offizierskasino wird gepokert, aber in der Gemeinschaftsunterkunft verloren. Die neue Strategie, das ist die bittere Nachricht für die Belegschaft, dürfte die Gegenwart von ThyssenKrupp verlängern, ohne die Zukunft zu sichern. Martina Merz hat lediglich Zeit gekauft.

 
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Die Autoindustrie bleibt sich treu. Die Angaben im Händlerprospekt sind ausweislich aller durchgeführten Tests auch im Elektrozeitalter von fiktionaler Natur. Bei getesteten E-Modellen sinkt mit der Außentemperatur auch die Reichweite der Motoren. Diese sackt bei unter null Grad Celsius um rund 50 Prozent unter die angegebene Reichweite. So wird der Weg aus dem Winterurlaub zum Nervenkitzel.

Wir lernen: Die Antriebsaggregate wechseln. Die Trickserei bleibt. Soviel Kontinuität muss sein.

Ich wünsche Ihnen – trotz all dieser Widrigkeiten – einen zuversichtlichen Start in diesen neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr


Gabor Steingart
Journalist & Buchautor
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