Putin rüstet Afrika auf | FBI geht Geld aus
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
24.01.2019
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dpa
Guten Morgen,
die Politik lebt vom Willen zur Macht, vom Wechselspiel zwischen Regierung und Opposition. Die medizinische Forschung hingegen galt bisher als Ort höherer Weisheit, deren Erkenntnisprozesse von immer neuen wissenschaftlichen Untersuchungen getrieben wird – und nicht von politischen Interessen.Solche aber unterstellen nun 107 von rund 4.000 deutschen Lungenfachärzten den Befürwortern strenger Grenzwerte. Die Gegner derselben melden sich in einem Positionspapier zu Wort, um die Seriosität der gesetzlichen Grenzwerte für Stickoxide (NOx) und Feinstaub zu bezweifeln. Darin heißt es:
Es ist sehr wahrscheinlich, dass die wissenschaftlichen Daten, die zu diesen scheinbar hohen Todeszahlen führen, einen systematischen Fehler enthalten.
Eine genauere Analyse der Daten zeigt, dass diese extrem einseitig interpretiert wurden, immer mit der Zielvorstellung, dass Feinstaub und NOx schädlich sein müssen.
Die angeführten Kritikpunkte sind so gravierend, dass im Sinne der Güterabwägung sogar die Rechtsvorschrift für die aktuellen Grenzwerte ausgesetzt werden sollte.
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WDR
Ihr Wortführer ist niemand geringerer als der nunmehr 70-jährige ehemalige Hochschullehrer und Lungenarzt Professor Dr. Dieter Köhler, ehemaliger Präsident des Verbandes Pneumologischer Kliniken. Er zweifelt an der Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation und der EU, wonach sich die Lebenserwartung durch Feinstaub- oder Stickoxidbelastung über dem Grenzwert reduziere. Es gebe keine Kausalität zwischen Feinstaub- und Stickoxidbelastung und Todesfällen, assistiert sein Kollege, Professor Dr. Martin Hetzel, Chefarzt der Lungenklinik Stuttgart: „Das ist unseriöser, ideologiegeleiteter Populismus.“ Einen solchen Anschlag auf die Glaubwürdigkeit der Mehrheitsmedizin hat es seit dem Streit um die Gefährlichkeit des Zigarettenrauchens und dem Verbauen von Asbest nicht mehr gegeben. Fakt ist: Die Kausalität zwischen Erkrankung oder gar Tod durch eine erhöhte Luftbelastung ist im Einzelfall schwer nachweisbar. Es geht nicht um die akute Gefährlichkeit für ansonsten gesunde Menschen, sondern es geht um das erhöhte Risiko für Asthmatiker und kleine Kinder. Zehn Prozent der Kinder und fünf Prozent der Erwachsenen haben mit Asthma-Anfällen zu kämpfen, die durch einen Cocktail von Schadstoffen verursacht werden.
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Für den Morning Briefing Podcast  habe ich mit Prof. Dr. Christian Witt, Hochschullehrer und praktizierender Lungenarzt an der Berliner Charité, gesprochen. Er macht in großer Klarheit deutlich, dass er die Vorwürfe seiner Kollegen für unhaltbar und die aktuellen Grenzwerte für medizinisch geboten hält. Sein Urteil:
Die Grenzwerte sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie sind auch nicht hausgemacht, sondern es gibt eine konsistente Datenlage weltweit, die auf gut 20 Jahren Forschung zur Luftbelastung und ihren Folgen fußt.
Die Evolution hat nicht vorgesehen, dass wir diese Menge von Stickoxid und Feinstaub in der Atemluft bilden. Diese Schadstoffe haben auf lange Sicht eine krankheitsverstärkende Wirkung. Bei chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck, Asthma und Bronchitis wirken erhöhte Schadstoffwerte wie ein Brandbeschleuniger.
Es handelt sich um ein Stück neue Medizin und ich denke, mancher der Kollegen hat die Komplexität und die großen Zusammenhänge nicht gleich und umfänglich verstanden. Das wäre meine einzige sinnvolle Erklärung für den Konflikt.
Das Verständnis für diese Vorwürfe, die da jetzt vorgetragen werden, ist bei mir sehr begrenzt.
Es sind zu viele Schadstoffe in der Luft. Insbesondere im urbanen Raum. Durch die Klimaerwärmung haben wir schon in diesem Sommer einen „urban heat stress“ erlebt und es wird weiter heiß und staubig werden in unseren Innenstädten.
Fazit: Grenzwerte sind immer auch eine Grenzziehung – zwischen widerstreitenden Interessen. Die Interessen der Autoindustrie und die von Asthmatikern stehen sich in diesem Streit diametral gegenüber. Im Falle der Pendler und ihrer Familien findet der Konflikt sogar innerhalb des einzelnen Menschen statt: Wir husten und suchen einen Parkplatz. Wir verteufeln das Auto und brauchen dringend einen größeren Kofferraum. Wir wollen die saubere Luft aus vorindustriellen Zeiten, aber die Arbeitsplätze des 21. Jahrhunderts. Vielleicht erleben wir nur scheinbar eine Debatte über Grenzwerte und blicken in Wahrheit auf die Alltagsschizophrenie der Moderne. Wir schauen auf Ärzte, Wissenschaftler oder Politiker, doch sehen immer nur uns, und das zweimal.
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Nirgendwo lassen sich die neuen Kräfteverhältnisse der Welt besser beobachten als in Afrika. Der jüngste 235 Millionen Euro-Deal zwischen Russland und Simbabwe dreht sich um Diamanten und Dünger. Das ist wenig verglichen mit den 52 Milliarden Euro, die China bis 2022 in Afrika investieren will. Die Weltmacht des 21. Jahrhunderts und die des 20. Jahrhunderts begegnen sich in Afrika – aber nicht auf Augenhöhe. Die Dealstruktur, wie die Investmentbanker sagen würden, ist bei China und Russland von sehr unterschiedlicher Natur: Peking nutzt den Kontinent als Rohstofflager für seine hungrige Industrie. Putin dagegen führt sich als Waffenhändler ein. Er tauscht Kriegsgerät gegen Schürfrechte, schickt Sicherheitsberater, bildet Spezialeinheiten aus und verhandelt über Militärbasen. Afrika wird von ihm aufgerüstet. Europa steht als scheinbar Unbeteiligter daneben. Doch so ganz unbeteiligt sind wir nicht. Die Arbeitsteilung, die sich in Afrika herausbildet, könnte zynischer kaum sein: Europa bemüht sich, Fluchtursachen zu beseitigen, Russland beteiligt sich daran, sie zu schaffen.
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dpa
Seit 33 Tagen legt der Shutdown die US-Verwaltung lahm. Demokraten und Republikaner liefern sich einen erbitterten Stellungskrieg. Präsident Donald Trump beharrt auf eine 5,7 Milliarden US-Dollar teure Anzahlung auf seine Grenzmauer zu Mexiko. Die Demokraten lehnen den Bau kategorisch ab. Und die längste Haushaltssperre der US-Geschichte bedroht jetzt nicht nur die Konten der Beamten, sondern die Sicherheit der Nation.
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Dem FBI etwa geht das Geld aus. Zwar arbeiten die meisten Agenten unbezahlt weiter, doch der Berufsverband, dem 14.000 aktive und pensionierte FBI-Agenten angehören, hat nun einen 72-seitigen Bericht vorgelegt, der sich wie ein Offenbarungseid liest: „Wir können keine verdeckten Informanten mehr bezahlen, damit verlieren wir Informationen für immer“, sagt ein Beamter: „Ich kann mir nicht mal mehr mein Telefon leisten“, sagt ein anderer.
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Welche Zwänge die Agenten und Beamten gerade im FBI erleiden müssen und wie es mit dem Shutdown weitergeht, darüber habe ich mit unserem USA-Korrespondenten und ehemaligen „Time“-Reporter Peter Ross Range im Morning Briefing Podcast  gesprochen. Er sagt:
Einige der Agenten gehen an ihre Ersparnisse. Andere machen Nebenjobs. Regierungs-Angestellte mit geringen Einkommen sind schon zur Armenspeisung gegangen.
Niemand kann vorhersagen, wann es enden wird. Der Druck in Washington steigt.
Börse und Realwirtschaft stehen sich in diesen Tagen wie feindliche Brüder gegenüber. Sie kämpfen, das ist in nahezu allen Wirtschaftspanels in Davos zu spüren, um die Deutungshoheit. Die Börse mit ihren jüngsten Kursverlusten prophezeit de facto eine Rezession mit Umsatz- und Gewinneinbruch. Dax und Dow Jones befinden sich seit Oktober des vergangenen Jahres im Abwärtskanal. Allein im Dezember gab es beim Dow Jones einen zehnprozentigen Kursabschlag. Die Fundamentalwirtschaft dagegen meldet für die USA mehr als drei Millionen neue Jobs in 2018 und volle Auftragsbücher in den Kernländern Europas und Amerikas. Auch in Deutschland herrscht Facharbeitermangel. Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich, aber die Wirtschaft wächst. Man kann eine Rezession auch herbeireden. Verschwören sich die Ängstlichen gegen die Zuversichtlichen, wird die düsterste Prognose zur Wirklichkeit. Oder um es mit dem Vater des Wirtschaftswunders Ludwig Erhard zu sagen: „Wirtschaftspolitik ist zur Hälfte Psychologie.“ Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor