„Wüsten-Davos“ versandet | Reitzles Triumph
 
DAS MORNING BRIEFING
23.10.2018
 
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Kay Nietfeld | dpa
Guten Morgen,
wenn die Grenzwerte für Schadstoffe zu hoch sind, liegt das nicht an den Schadstoffen, sondern an den Grenzwerten. Sagt die Kanzlerin. Also müssen auch nicht die Schadstoffe gesenkt, sondern die Grenzwerte erhöht werden. Genau das will sie im Kabinett beschließen lassen. Politik als Abschaltvorrichtung für Wirklichkeit.

Per Gesetzesänderung würde also schmutzige in saubere Luft verwandelt. Die in Wolfsburg und anderswo eingesetzte Softwaremanipulation bei der Abgasreinigung könnte damit in den politischen Raum übertragen werden. Jetzt müssten die Krankenkassen nur noch Bronchitis, Asthma und Pseudokrupp den Status der Atemwegserkrankung entziehen und schon ist Deutschland auf dem Weg der Gesundung. Wahlkampfbetrug oder Wunderheilung, das ist hier schon nicht mehr die Frage.
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imago
 
Die meisten Bürger dürften, bei aller Liebe zum Dieselfahrzeug, die Voodoohaftigkeit dieser Politik durchschauen. Angela Merkel, die sich selbst einst als Klimakanzlerin sah, geht nur scheinbar vor den Wählern in die Knie – in Wahrheit aber vor der Autoindustrie. In Stuttgart, München und Wolfsburg konnte sie sich nach der Dieselaffäre nicht durchsetzen. Geschmeidig pegelt sie kurz vor der Hessenwahl ihre eigenen Ansprüche nach unten – in der Hoffnung, die 300.000 Dieselfahrer in Frankfurt und weitere 300.000 Pendler in den Vororten der Mainmetropole beeindrucken zu können. Doch das ist keine Wahlkampftaktik, sondern Selbsterniedrigung. Das Merkel'sche Wertesystem, das hier zum Ausdruck kommt, gleicht einer Mondlandschaft.

Die Grünen können ihr Glück kaum fassen. Merkel ist ihre effektivste Wahlkampfhelferin. De facto ruft sie zur Wahl der Umweltschutz-Partei auf, denn die Verkommenheit etablierter Politik, die bisher nur als Behauptung im Raume stand, wird von Merkel eindrucksvoll belegt. Der grüne Spitzenkandidat hat plötzlich sogar Chancen, Ministerpräsident zu werden.

Der Vorgang offenbart eine strategische Kurzatmigkeit, eine politische Stupidität sondergleichen, die man dieser Kanzlerin so nicht zugetraut hätte. Oder um es mit Konrad Adenauer zu sagen: „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“
 
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Metodi Popow | imago
 
Dorothee Bär ist um ihren Job nicht zu beneiden. Seit März ist sie die Digitalisierungsbeauftragte der Bundeskanzlerin und stapft Seite an Seite mit Angela Merkel an den schwarzen Löchern des Funknetzes vorbei, einem kafkaesken Neuland entgegen. Im Interview mit dem Morning Briefing Podcast  spricht sie über ihre Prioritäten („dieses Infrastrukturthema langweilt mich“) und ihre Begeisterung für Lufttaxis. Wer wissen will, warum der Staat als Motor der Transformation (siehe Grafik unten) bisher ausgefallen ist, sollte dieses Interview hören. Würde die Digitalisierungsoffensive der Bundesregierung ein Logo besitzen, wäre es das Funkloch.
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Rainer Jensen | dpa
 
Der Mord an dem Regimekritiker und Journalisten Jamal Khashoggi könnte für Saudi-Arabien und seinen schillernden De-facto-Machthaber MBS alias Mohammed bin Salman gravierende Folgen haben. Heute will der türkische Präsident Erdoğan ein Tonband veröffentlichen, das die Beteiligung von saudischen Offiziellen beweisen soll. Die internationale Politik gleicht im Moment einem dieser verrohten Psychothriller. Die Tagesschau ist nicht mehr jugendfrei.

Für die Scheichs kommt die internationale Ächtung zur Unzeit. Die „Kennzahlen“ des Königreichs sind schon jetzt nicht mehr rosig: Seit 2012 sanken die Öl-Einnahmen Riads wegen des geringen Ölpreises von mehr als 300 Milliarden US-Dollar auf knapp über 100 Milliarden im vergangenen Jahr. Die Arbeitslosenquote steigerte sich auf ein Rekordhoch von 13 Prozent – die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 25 Prozent – und das Wirtschaftswachstum erlahmte von zehn Prozent im Jahr 2011 stetig auf mickrige zwei Prozent im noch laufenden Jahr. Das alte Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Staatliche Auftragsmorde als neues Geschäftsmodell aber auch nicht.
 
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Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört. Der deutsche DAX-Konzern und Industriegase-Gigant Linde fusioniert mit seinem US-Konkurrenten Praxair, der wie sein deutscher Bruder ursprünglich von Carl von Linde in den USA gegründet worden war. Nach zwei Jahren zäher Verhandlungen stimmte die US-Wettbewerbsbehörde FTC der Fusion unter Auflagen jetzt zu. Ein Riese entsteht, dessen Marktkapitalisierung von rechnerisch derzeit rund 75,7 Milliarden Euro zu den Top-Werten im deutschen Leitindex gehört.
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Matthias Balk | dpa
 
Die Vereinigung der beiden Konzerne zum dann größten Industriegase-Konzern mit geschätzt mehr als 80.000 Mitarbeitern krönt das Lebenswerk des deutschen Industriemanagers Wolfgang Reitzle. Der heutige Linde-Aufsichtsratschef, ehemals im Vorstand von BMW und bei Ford zuständig für dessen Premiummarken, ist der Architekt dieser Fusion. Im gleich erscheinenden Morning Briefing Podcast Interview , wenige Stunden nach der Ratifizierung des Deals in London geführt, sagt er: „Zwei gute werden zu einem exzellenten Unternehmen.“

Dass die deutschen Gewerkschaftsfunktionäre den Zusammenschluss mit öffentlichen Wutausbrüchen begleiten, hat vor allem einen Grund: Es gilt im neuen Weltkonzern dann nicht mehr die deutsche Mitbestimmung. Die Funktionäre verlieren ihre Jobs in den Aufsichtsgremien. Er sei unschuldig, sagt Reitzle: „Das deutsche Mitbestimmungsmodell ist nunmal kein Exportschlager geworden.“

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor