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Guten Morgen,
AfD-Chef Alexander Gauland ist zu gescheit, den Unterschied zwischen gestern und gestrig nicht zu bemerken. „Das Konservative ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt“, schrieb er in seinem vor 17 Jahren erschienenen Buch „Anleitung zum Konservativsein“. Diese Definition hätten auch Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und Gaulands großer Förderer Walter Wallmann, der erste Umweltminister der Republik, unterzeichnet. Aber keiner von ihnen wäre, bei aller Liebe zu Herkunft und Heimat, bereit gewesen, mit jenen Kräften einen Pakt zu schließen, die sich nach kultureller Reinheit und politischer Revanche sehnen. Der Politiker Gauland hat den Buchautor Gauland mittlerweile weit hinter sich gelassen. Heute ist er der Biedermann in einer Partei der Brandstifter.
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dpa
Leichtfüßig überschritt er auch gestern Abend im ARD-Sommerinterview mit Tina Hassel die Demarkationslinie zwischen gestern und gestrig. Beispielsweise als er sich für Brandenburgs AfD-Chef Andreas Kalbitz verbürgte:
Er ist ein bürgerlicher Mensch, ich kann nichts Rechtsextremes in ihm finden.“
Beispielsweise als er den Begriff des Völkischen relativierte.
Wir definieren völkisch immer über den ,Völkischen Beobachter’, aber er stammt aus der Jugendbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts. Und genau darüber müsste man mal reden.“
Oder als er die Parteiarbeit beschrieb:
Die Partei ist eine Kampfgemeinschaft.“
Das Parfüm der politischen Macht hat Gauland, den Intellektuellen, erkennbar narkotisiert. Das besorgte Bürgertum allerdings befindet sich bereits in der Aufwachphase. Schaut man ohne Scheuklappen auf die Wahlergebnisse seit der Bundestagswahl 2017 – und zwar nicht auf die relativen Ergebnisse, sondern auf die absoluten Zahlen der Wähler – stellt man fest: Die Geschichte vom Aufstieg der AfD ist seither ein Märchen. ► Die deutliche Mehrheit der Erwachsenen in Brandenburg (86 Prozent) und in Sachsen (82 Prozent) gab weder der AfD noch der NPD ihre Stimme.
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► Von allen Wahlberechtigten wählten in Brandenburg 297.484 Menschen (14,2 Prozent der Wahlberechtigten) die AfD und damit 1,2 Prozent weniger als noch bei der Bundestagswahl.
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► In Sachsen waren es 595.671 Menschen (18,1 Prozent der Wahlberechtigten) und damit 11,1 Prozent weniger als bei der Bundestagswahl. Dazu Manfred Güllner, Gründer und Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Forsa:
Seit den beiden Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen reden Politiker und Kommentatoren unentwegt vom Aufstieg der AfD, obwohl die Partei bei allen Wahlen seit der Bundestagswahl 2017 (fünf Landtagswahlen, die Europawahl und Kommunalwahlen) Stimmen verloren hat. Allein bei den fünf Landtagswahlen in Bayern, Hessen, Bremen, Brandenburg und Sachsen sank die Zahl der AfD-Wähler gegenüber der Bundestagswahl um 334.000 auf insgesamt 1.984.000 Stimmen.“
Wir halten fest: Die Mehrheit des Bürgertums ist wegen der Flüchtlingspolitik und angesichts des Staatsversagens im Bereich des Aufenthaltsrechts besorgt, aber nicht erbraunt. Man will Recht und Ordnung, aber kein völkisches Geschwader, weder auf der Straße noch in der Talkshow. Alexander Gauland glaubt, er sei die Vorhut einer neuen Zeit – und ist doch nur deren Nachhut.
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An anderer Stelle zum gleichen Thema: Björn Höcke, der AfD-Spitzenkandidat bei der Ende Oktober anstehenden Landtagswahl in Thüringen. Der Versuch des ZDF, mit Höcke ein Interview für „Berlin direkt“ zu führen, scheiterte gestern Abend. Höckes Sprecher schritt vor laufender Kamera ein, weil sein Schützling aus der Fassung zu geraten drohte. „Sie haben Herrn Höcke mit Fragen konfrontiert, die ihn stark emotionalisiert haben“, sagte er kurz vor dem Abbruch der Aufzeichnung. Höcke hatte eben erst die „Verengung der Sprachkorridore“ beklagt, da wurde der Korridor von ihm selbst geschlossen. Das bizarre Prozedere zwischen Politiker, Sprecher und Journalist ist heute Morgen noch in der Mediathek des ZDF zu besichtigen. Auch Sprachlosigkeit kann man dokumentieren.
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Unsere Welt gibt es womöglich zwei Mal: ► Welt Nummer eins demonstriert vor den Toren der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt gegen die Klimaveränderung. „Wir wollen eine radikale Verkehrswende von unten, mit deutlich weniger Autos. Dazu sind wir auch bereit, die Grenze des legalen Protests zu übertreten“, rief die Hauptrednerin Tina Velo vom Bündnis „Sand im Getriebe“, das versuchte, die Messehalle zu blockieren. Für die kommenden Tage werden die „Fridays for Future“-Aktivisten ihren Forderungen nach einer CO2-freien Weltwirtschaft ebenfalls Nachdruck verleihen: Am Freitag soll weltweit gestreikt werden. Auch zahlreiche Unternehmen schließen sich an. In Deutschland wollen etwa im Rahmen der Neugründung „Entrepeneurs for Future“ rund 2600 Unternehmen mit rund 200.000 Mitarbeitern die Arbeit niederlegen.
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► Welt Nummer zwei trauert zur gleichen Zeit um täglich 5,7 Millionen Barrel Rohöl, die aufgrund eines Drohnenangriffs auf Ölförderanlagen in Saudi-Arabien dem Weltmarkt kurzfristig fehlen. Die USA – derzeit mit 12,4 Millionen Barrel täglich vor Russland (11,3) und Saudi-Arabien (9,8) der größte Ölförderer der Welt – kündigten unverzüglich an, notfalls ihre nationale Reserve dem Weltmarkt zur Verfügung zu stellen, damit es nicht zu Engpässen kommt. Wie Welt Nummer eins und Welt Nummer zwei jemals zusammenfinden können, bleibt rätselhaft. Angesichts einer weiter wachsenden Weltbevölkerung – allein seit dem Jahr 2000 ist sie um knapp 26 Prozent auf 7,7 Milliarden Menschen gestiegen – und deren Wunsch nach Wohlstand gehen die Prognosen von einer steigenden Nachfrage nach Rohöl aus:
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►Seit 1968 ist der weltweite Erdölverbrauch um 160 Prozent gestiegen auf heute rund 100 Millionen Barrel pro Tag. ►Allein China steigerte seinen Erdölverbrauch um mehr als 185 Prozent. ►Und bis 2050 wird der Bedarf laut einer Prognose der US-Energiebehörde EIA nochmal um weitere 22,3 Prozent weltweit zulegen (siehe Grafik oben). Kompliziert wird die Angelegenheit vor allem dadurch, dass beide Welten in einen harten Kampf verwickelt sind. Das Reich der Wünsche gegen das Imperium der Wirklichkeit. Und damit: wir gegen uns. Unversöhnlich stehen sich die Argumente wie Armeen gegenüber – am Flughafen, im Autohaus und in den Server-Farmen, die unsere Lieblings-Apps betreiben. Was die Menschheit braucht, ist kein Sieg, sondern einen Friedensvertrag.
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Wenn CDU-Bildungsministerin Anja Karliczek heute mit den Chefs des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und des Handwerkerverbands zusammentrifft, wird die Stimmung gut sein. Denn die Große Koalition hat vor wenigen Tagen bei den Meisterberufen die Rolle rückwärts beschlossen. Ab 2020 soll in zwölf Berufen – zum Beispiel bei Fliesenlegern – wieder der große Befähigungsnachweis eingeführt werden. Das bedeutet: Nur Menschen mit Meisterbrief dürfen Betriebe führen und den Nachwuchs ausbilden. Handwerkerleistungen werden damit erst knapper, dann teurer. Es gibt viele Wege, sich beim Bürger unbeliebt zu machen. Die Große Koalition kennt sie alle.
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Amerika folgt Europa: Nach der neuerlichen Geldflutungs-Initiative von EZB-Präsident Mario Draghi am vergangenen Donnerstag wird sein US-Notenbankkollege Jerome Powell nicht abseitsstehen wollen. Auf der Mittwochssitzung der Federal Reserve (Fed) ist mit einer Senkung des Leitzinses zu rechnen. Sehen wir es positiv: Zumindest zwischen den Notenbanken gibt es keine transatlantischen Verspannungen. Der Wahnsinn der einen, ist das Vorbild der anderen.
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Er war der Influencer seiner Zeit: Der preußische Forscher Alexander von Humboldt wurde vor 250 Jahren geboren. Humboldt – der auf zum Teil mehrjährigen Reisen ab 1799 fast alle Klimazonen der Erde besuchte – war seiner Zeit deutlich voraus: Er trat im Zeitalter der Industrialisierung als der erste Klimaschützer auf („Ich glaube, der Mensch vergewaltigt die Natur“), er war ein großer Netzwerker (der bis zu seinem Tod rund 50.000 Briefe schrieb) und der womöglich größte Universalgelehrte aller Zeiten. Mit der deutsch-britischen Kulturhistorikerin Andrea Wulf, die im diesjährigen Humboldtjahr mit „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ ein Standardwerk über den Forscher vorgelegt hat, habe ich für den Morning Briefing Podcast  gesprochen.  

Produziert mit dem Schauspieler Frederick Lau, der aus den humboldtschen Briefen vorliest , erhalten Sie auf unterhaltsame Weise einen Einblick in das Lebenswerk dieser Legende. Die Zitate stammen aus dem multimedialen Projekt „Hier kommt Alex“ und wurden uns freundlicherweise von radioeins vom RBB zur Verfügung gestellt. Prädikat: wertvoll.  

Ich wünsche Ihnen einen neugierigen Start in diese neue Woche. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor