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Guten Morgen,

Vorhang auf für den nächsten Akt der Brexit-Komödie. Wir sehen Großbritanniens Premier Boris Johnson in der spektakulären Neuinszenierung von Shakespeares „Comedy of Errors“. 

Die Frisur des Hauptdarstellers, was für ein pfiffiger Einfall der Regie, erzählt im Grunde die gesamte Geschichte, die man nur als verwuschelt bezeichnen kann. Der Mann am Bühnenrand hat eben erst seine Mehrheit im Unterhaus verloren.

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In der Nebenrolle genießt Phillip Lee seinen großen Auftritt. Er ist im wahren Leben Abgeordneter von Johnsons konservativer Partei, aber nun will er mit den europafreundlichen Liberaldemokraten davonziehen.
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Das teilte Lee auf der Großleinwand mit, die sich Twitter nennt. Seinen Abschiedsbrief an Johnson postete er dort gleich mit. Die feine britische Art eben.

Lee hat – das verleiht der Erzählung ihre Raffinesse – gewissermaßen über Nacht sein Gewissen entdeckt. Der Kurs der Konservativen ist nun nicht mehr seiner: Diese Partei, stößt die gequälte Seele der Tories hervor, sei „von den Zwillingskrankheiten Populismus und englischem Nationalismus infiziert“.
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Der Geläuterte kann nicht mehr anders, als die bisher unterdrückte Wahrheit aus sich herauszupressen: 

Die konservative Regierung benutzt politische Manipulation, Mobbing und Lügen. Und sie tut das bewusst und überlegt.“ 

Hauptdarsteller Johnson, eben noch als Held gefeiert, steht plötzlich als politischer Lump vor dem Publikum, das auffällig unauffällig sich zu räuspern beginnt.

Johnson hat die Revolte selbst ausgelöst. Seine wahrhaft originelle, weil disruptive Idee, die Demokratie für ein paar Wochen zu suspendieren, bis er höchstpersönlich die Nabelschnur zwischen dem europäischen Ungeheuer und dem britischen Inselkind durchtrennt hat, hätte Shakespeare imponiert: Der Zauberlehrling zieht mit dem Altmeister gleich.

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Wenn nur das Parlament nicht so sperrig wäre. Dort sitzen erkennbar die Traditionalisten, die den politischen Surrealismus des Boris Johnson nicht zu schätzen wissen. Dann muss er eben das Parlament auflösen und Neuwahlen ausrufen. Auf zum Grande Finale!

Damit würde, wie im modernen Theater üblich, auch das gemeine Publikum in die Handlung einbezogen. Der Populismus wird popularisiert. Das Ballett der Propagandisten tanzt bereits ekstatisch durch das Foyer. Jetzt fehlt nur noch, dass William Shakespeare persönlich erscheint, um in theatralischer Pose von der Loge aus seinen berühmten Satz zu rufen: „Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier.“

 
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Deutschlands mit rund 400.000 Wohnungen größter privater Vermieter heißt Vonovia. Die Firma aus Bochum besitzt allein in Berlin rund 38.000 Wohnungen mit einem Verkehrswert von 5,2 Milliarden Euro. Nun hat der Vorstandsvorsitzende von Vonovia vor einem Berliner Mietendeckel gewarnt.

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Das von Rot-Rot-Grün geplante Gesetz sorge nicht für Entspannung, sondern für eine Verschärfung auf dem Häusermarkt. Denn durch große Nachfrage bei gedeckelten Mieten entstünde ein „Schwarzmarkt“ für Wohnungen, sagte Vonovia-Chef Rolf Buch. Das Problem der Wohnungsknappheit lasse sich nur durch eine intensive Bautätigkeit und damit eine Vergrößerung des Angebots erreichen:

Wenn wir nicht mehr bauen, werden andere Menschen aus Berlin ausziehen müssen. Das ist Mathematik. Nicht bauen, das ist die große Asozialität, die man machen kann.“

Fazit: Moralischer Rigorismus, das hat zuletzt die Geschichte des Alkoholverbots in der Ära der Prohibition bewiesen, nutzt vor allem den Schiebern und Spekulanten: Der Alkohol verschwand damals nicht. Er wurde nur teurer und schmutziger. Auch für die Berliner Mietdebatte gilt: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

 
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Nach den für die Linke enttäuschenden Landtagswahlen – die Partei verlor in Sachsen und in Brandenburg jeweils rund acht Prozentpunkte – hat die scheidende Fraktionschefin im Bundestag, Sahra Wagenknecht, ihrer Partei die Leviten gelesen. Diese trage Mitschuld am Erstarken der AfD im Osten. In Sachsen wechselten rund 27.000, in Brandenburg rund 12.000 Stimmen von links nach rechts zur AfD:

Indem wir uns von unseren früheren Wählern entfremdet haben, haben wir es der AfD leicht gemacht. Insofern sind wir für ihren Erfolg mitverantwortlich.“

Die wachsende Distanz zu dieser Lebenswelt zeigt sich auch in unserem Umgang mit AfD-Wählern, die gern pauschal als Rassisten beschimpft werden, obwohl viele von ihnen früher links gewählt haben.“

Wer Wagenknechts politische Isolation in ihrer eigenen Partei verstehen will, muss heute Morgen nur in die Gesichter ihrer Genossinnen und Genossen schauen. Im Grunde sollte man diese bittere Lernerfahrung vor unseren Kindern im Interesse ihrer Lebenstauglichkeit verheimlichen: Wahrheit macht einsam.

 
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Apropos: Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat seine provokanteste Stimme verloren. Jan Fleischhauer – Bestseller-Autor, Querdenker, Twitter-König – hat nach 30 Jahren das Blatt verlassen, um als Kolumnist und Mitglied der Chefredaktion beim „Focus“ anzuheuern. Auf einen solchen Seitenwechsel steht beim „Spiegel“ eigentlich Klassenkeile.

Außenseiter Fleischhauer, der sich selbst einmal als Muslim des „Spiegel“ bezeichnet hatte, wechselte den Arbeitgeber, aber nicht die Gesinnung. Er bleibt der liberale Geist und unabhängige Spötter, der er immer war, wovon sich die Hörerinnen und Hörer des heutigen Morning Briefing Podcast  überzeugen können.

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Seine Kernaussagen:

In den deutschen Redaktionen träumen 70 bis 80 Prozent der Journalisten von einem Bundeskanzler Robert Habeck. Das ist die Empirie, die ich habe.“

Über die Kanzlerbefähigung von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sagt er:

Wer nicht klar redet, denkt in der Regel auch nicht klar.“

Sein Urteil über die Personalpolitik von Kanzlerin Angela Merkel lautet:

Möglicherweise hat die Kanzlerin jemanden ausgesucht, der allen beweist, wie unersetzlich sie ist.“

In der Klimadebatte wirft er den Aktivisten den Verlust von Maß und Mitte vor:

Kein Mensch kann ernsthaft annehmen, dass die Parlamente in Europa in der Lage wären, innerhalb von 18 Monaten einen Klimaplan zu entwickeln, der uns alle retten wird. Wir haben allein für das Tabakverbot 40 Jahre gebraucht.“

Und als Lebenshaltung empfiehlt er die vorsätzliche Zuversicht:

Mein Motto ist heiterer Pessimismus. Seit ich politisch denken kann, geht es mit Deutschland bergab. Aber auf diesem langen Weg nach unten, gibt es noch ein Reihe schöner Tage.“

 
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Ungehindert der Forderungen von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Minuszinsen nicht an den Kontoinhaber weiterzugeben, werden die Deutschen zukünftig für ihre Konten kräftiger denn je zahlen müssen. Die große Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) wird nach unten durchgereicht.

Allein in der ersten Jahreshälfte 2019 haben 300 Banken und Sparkassen laut einer unabhängigen Untersuchung die Preise für ihre Girokonten um durchschnittlich 30 Prozent erhöht. Von insgesamt 1400 untersuchten Banken bieten nur noch 40 kostenlose Konten an.

Spitzenreiter sind nicht etwa die vornehme Deutsche Bank oder andere Privatbanken, gerade die volksnahen Genossenschaftsbanken langen kräftig hin: Ihre Institute erhöhten den monatlichen Mindestbeitrag für ihre Filialkonten durchschnittlich um 37 Prozent auf 4,63 Euro. Bei den Sparkassen stiegen die Gebühren etwa um 34 Prozent auf im Schnitt 6,04 Euro.

Falls der deutsche Werberat nicht sanft entschlummert ist, müsste er heute dafür sorgen, dass die Werbeslogans der Volksbanken („Wir machen den Weg frei“) und der Sparkassen („Wenn´s ums Geld geht, Sparkasse“) abgemahnt oder eben der neuen Wirklichkeit angepasst werden: „Wenn´s um Gebühren geht, Sparkasse“.

 
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Was macht eigentlich die Bundeskanzlerin? Bisher schweigt sie eisern. Vielleicht kann sich Angela Merkel ja heute aufraffen, die herben Verluste ihrer CDU in Ostdeutschland und den märchenhaften Aufstieg der dortigen AfD zu kommentieren. „Wunder erleben nur diejenigen, die an Wunder glauben“, hat Erich Kästner uns gelehrt.
Ich wünsche Ihnen einen selbstbewussten Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor