Gabor Steingart

Die Zauberformel

Rede im Plenarsaal des Berliner Abgeordnetenhauses am 4. Mai 2007

Wir feiern seit Jahren schon die fröhlichste Beerdigung der Welt. Das alte Berlin ist untergegangen. Es wird nie wieder auferstehen. Das neue Berlin ist deutlich lebensfroher als das alte. Weniger düster und grüblerisch, es ist vielerorts regelrecht zukunftsversessen. Das neue Berlin zeichnet sich dadurch aus, dass es drei Dinge macht, die man eigentlich nicht tut. Hier ist die Zauberformel:

1. In Berlin wird Geschichte relativiert, auch verdrängt. Die Nazizeit hat ihre Spuren hinterlassen. Wir leben mit der düsteren Architektur jener Zeit, sie erinnert uns, aber sie erdrückt uns nicht mehr. Der Geist ist in der Flasche. Die prägende Wirkung ist verflogen. Der Bann der Düsternis ist dem Neuen gewichen.

Neue Menschen in neuen Bauwerken, errichtet von neuen Architekten, geben der Stadt heute ihr Gesicht. Es ist glatter als das alte, auch wenn ein paar Narben geblieben sind. Berlin ist heute eben nicht mehr die Stadt Albert Speers, sondern die Stadt von Sir Norman Forster und Axel Schultes.

Alle Versuche, diese Stadt in ein lebendes Museum zu verwandeln, in eine dauernde Gedenkstätte, in der die Stimmung auf Halbmast steht, sind gescheitert, weil die Fähigkeit zum Trauern wichtig ist. Aber genauso wichtig für das Überleben der Menschen ist die Fähigkeit zum Verdrängen. Jeder Psychiater weiß es: Erinnern ist wichtig, verdrängen aber auch.

Die Stadt, und das heißt die Menschen dieser Stadt, haben ihre Lebenszone beharrlich ausgeweitet. Sie haben ihre Stadt der Vergangenheit entrissen, ihr ein Stück Zukunft abgetrotzt wie der Deichgraf dem Meer das Land abringt.

Meine Fahrstrecke von Wannsee zum Spiegel-Büro am Pariser Platz: kann ich Ihnen so beschreiben. Herrlich dieser See, skurril die Motorradfreaks an der Spinnerbrücke, was für eine Fahrt durch den Grunewald, schade dass ich kein Cabrio mehr besitze, Kurfürstendamm runter, alles glitzert, Potsdamer Straße, gemächlich fließt der Landwehrkanal, endlich am Brandenburger Tor, wo alle gegen alles demonstrieren, kürzlich die Zirkusinhaber gegen ihrer Meinung nach zu strengen Regeln für die Käfighaltung von Tigern.

Ich kann ihnen meine Fahrstrecke auch anders beschreiben: Hinter mir das Haus der Wannseekonferenz, wo der Judenmord mit dt. Präzision geplant wurde, vorbei an der Halbinsel Schwanenwerder, hier wohnte einst Goebbels, die Fahrt durch den Grunewald führt vorbei an jener Stelle, wo Walter Rathenau ermordet wurde, ich sehe Rosa Luxemburg im Landwehrkanal schwimmen, bevor ich durch den ehemaligen Todesstreifen, vorbei an Luftfahrtministerium und Führerbunker zum Brandenburger Tor komme.

Diese Geschichte verschwindet nicht, sie wird nicht ungeschehen, sie mahnt weiter, dass sich so etwas nie wieder wiederholen darf. Aber: sie dominiert nicht mehr. Das neue Berlin ist nicht eine große Museumsinsel. Das heutige Berlin ist auch deshalb so lebensfroh und zukunftsversessen, weil es die Bedeutung der Vergangenheit relativiert hat. Am Holocaust-Mahnmal wird erinnert und geschmust. Im Luftfahrtministerium wird der Vergangenheit gedacht und drinnen wird derweil fleißig das Geld unserer Enkelkinder ausgegeben.

2. Berlin ist groß, weil es sich klein macht.
Endlich!
Die Stadt hat aufgehört mit der Sehnsuchtsvokabel von der Metropole, die es sein wollte und immer nicht war. Honeckers Hauptstadt der DDR ist genauso passe wie Großstadtträume zur Zeit des Senats von Eberhard Diepgen. Wir waren dafür alle zu klein – die Politik, das geschrumpfte Bürgertum, die Journalisten, die Kulturschaffenden. „Weltstadt ohne Weltstädter“ hat Wolf Jobst Siedler das zu Recht genannt. Edzard Reuter sprach von Posemuckel.

Die heutigen Berliner bilden eine Großstadt ohne Größenwahn. Sie haben die Anmaßungen, die diese Stadt auf beiden Seiten vielleicht auch zum Überleben brauchte, auf erfrischende Art entrümpelt. Das faszinierende heute ist, dass keiner dauernd behauptet, wir müssten alle fasziniert von uns und der Stadt sein.
Heute ist Berlin da am ehesten Metropole wo am wenigsten darüber schwadroniert wird. Am Friedrichshain, am Prenzlauerberg, in Mitte, aber auch in Schöneberg und Charlottenburg, wo man jeweils schon froh ist, wenn die anderen einen in Ruhe lassen.

Es gibt keine allzu große Neigung zum Miteinander, dafür ein Nebeneinander. Sie können das tolerant nennen. Sie können aber auch sagen, es herrscht große Gleichgültigkeit. Die eingefleischten Westberliner schauen skeptisch nach Osten, von dort blickt man leicht verächtlich auf die Spießer im Westen zurück. Und den vielen Neuberlinern – jeder 2. ist nach dem Mauerfall gekommen – ist es ohnehin egal. Sie zimmern sich ihr eigenes Berlingefühl – mit Einsteinkaffee und Laptop, mit Kitaplätzchen satt und billigen Altbaubuden, mit Hochkultur und Straßenkultur, mit flexiblen Arbeitszeiten in neuen Berufen, so dass Ludwig Erhardt über diese bunte Enkelschar wahrscheinlich außer sich vor Freude wäre.

3. Berlin ist reich, weil es arm ist. München und Hamburg sind schöne Städte, reich, gepflegt, aber eben auch gepflegt langweilig. Sie sind die Denkmäler des Wirtschaftswunderlandes, selbstzufrieden, satt, dort wird auf Halten, nicht auf Angriff gespielt. Teile dieser Städte werden sich in den nächsten zwei Jahrzehnten in gigantische Seniorenresidenzen verwandeln. Sie sind der Ruheraum des Landes.

Berlin ist Unruheraum, es lärmt mehr als anderswo, man schimpft, spinnt und spottet. Das Materielle spielt hier keine dominante Rolle, schon deshalb weil es so wenig Materie gibt – die Gehälter sind klein, die Pensionen mini, die öffentlichen Kassen haben mehrere Löcher. London trägt 20 Prozent zur Wirtschaftskraft der Stadt bei. Berlin 3,5 Prozent. Auch das verleiht der Stadt das Klima der Entspanntheit.

Berlin, das sieht jeder, ist eben keine wirklich kapitalistische Hauptstadt. Sie ist aber, vielleicht gerade durch die extreme Enthaltsamkeit der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit, eine Stadt des Geistes, der Demokratie, des Meinungsstreits, des Formens von öffentlicher Meinung. Öffentliche Meinung ist, wenn Sie wollen, auch ein Produkt, ein Geistesprodukt.

Hier ist eine Werkstatt dafür entstanden. Sie ist im Aufbau begriffen. Eine regelrechte Industrie, ich nenne sie die Weltverbesserungsindustrie könnte hier entstehen. Und das ist keine Anmaßung, eher ein Anspruch. Was gibt es Schöneres, nach den Jahrzehnten der Düsternis in Berlin – als an der Verbesserung der Welt mitzuwirken. Ich danke für’s Zuhören.

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