25.01.2010
Papi, Du hast einen sehr coolen Chef
Der stellvertretende Hauptstadtbüroleiter Konstantin von Hammerstein, heute Ressortleiter Deutschland des Spiegel, über Steingart bei dessen Verabschiedung, Frühjahr 2007
Ich habe Gabor Steingart vor neun Jahren kennengelernt. Die vergangenen sechs Jahre war ich sein Stellvertreter und damit sein engster Mitarbeiter. Ich habe viel Zeit verbracht mit diesem Mann. Ich kann Ihnen das auch beziffern. Wenn wir, was hier konservativ gerechnet ist, von einer 50-Stunden-Woche ausgehen, von vierzig Wochen im Jahr auf sechs Jahre kommen wir auf siebenhundertzwanzigtausend Minuten oder zwölftausend Stunden oder anderthalb Jahre. Meine Damen und Herren, Sie werden das erschreckend finden. Zu Recht, das ist erschreckend, denn es ist deutlich mehr als wir mit unseren Frauen und unseren Töchtern verbracht haben. Nur mit Jan Fleischhauer, dem anderen Stellvertreter, habe ich die letzten zweieinhalb Jahre ähnlich viel Zeit verbracht. Er hat mich neulich nach einem langen Arbeitstag Spatzi genannt, weil er mich mit seiner Frau verwechselt hat.
Wir haben sehr viel miteinander gearbeitet. Wir haben gelacht. Wir waren gelegentlich deprimiert. Wir haben gekämpft. Wir haben meistens gesiegt, gelegentlich leider auch verloren. Vor allen Dingen haben wir sehr, sehr viel miteinander erlebt. Zum Beispiel, das möchte ich jetzt mal erzählen, was mir dabei in Erinnerung geblieben ist. Das war der Tag, als Gabor Steingart den damaligen Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier kennenlernte. Das war zu der Zeit, als Steingart selber im Höhenrausch war, weil sein erstes Buch herausgekommen war: „Der Abstieg eines Superstars“. Er hat wie jeder gute Bestsellerautor im Sieben-Minuten-Abstand auf den Computer geguckt, um zu gucken, auf welchem Rang der Amazon-Verkaufsliste er stand. Es war meistens in dem oberen einstelligen Bereich.
Frank-Walter Steinmeier hatte zu dieser Zeit auch ein Buch herausgebracht: „Made in Germany“ mit Matthias Machnig zusammen. Auch das war auf dem Amazon-Verkaufsrang verzeichnet bei Platz 936.000. Was ich nicht wusste vor unserer ersten Begegnung mit Frank-Walter Steinmeier war, dass Steinmeier bei einer öffentlichen Veranstaltung abfällige Bemerkungen über das Werk des Bestsellerautors Steingart verloren hatte, und das war ein schwerer Fehler. Steingart besorgte sich dieses Buch. Wir gingen zusammen ins Kanzleramt. Steinmeier saß in der Mitte, rechts saß ich, links saß Steingart und hatte das dicke Buch von Steinmeier auf seinem Schoß und blätterte darin rum und sagte: „Na, Herr Steinmeier, ein Bestseller wird das aber nicht.“
Sie können sich vorstellen, dass danach ein sehr einsilbiges Gespräch war. Ich kriegte unmittelbar danach einen Anruf des Büroleiters, der fragte: „Sagen Sie, musste das eigentlich sein?“ Es musste sein. Es musste ähnlich sein wie das andere Erlebnis, was ich hier zum Besten geben möchte. Wir hatten Hans Eichel interviewt. Uns schwirrte der Kopf. Es war später Vormittag, uns schwirrte der Kopf von Defizitzahlen, von Maastricht-Kriterien und von Unternehmenssteuerformeln, und wir hatten sehr viel Hunger und sind deswegen in Erinnerung an dieses Gespräch in Hans Eichels Döner-, Lieblingsdönerbude in der Wilhelm-, Ecke Mohrenstraße gegangen.
Steingart hatte in der einen Hand den Hähnchenschenkel, da klingelte das Handy, und ich kriegte relativ schnell mit, dass der Regierungssprecher am Apparat war, Béla Anda, der ihm wortreich zu erklären versuchte, warum der von uns angefragte Hintergrundtermin mit dem Kanzler nicht klappen würde. Steingart, wie gesagt in der rechten Hand den Hähnchenschenkel, links am Ohr das Handy, und er bellte ganz kurz nur ins Handy: „Herr Anda, ich werde nicht dafür bezahlt, Absagen entgegenzunehmen.“ Und drückte dann den Herrn Staatssekretär weg. Das war – meine Töchter haben das später gesagt, die alle im Teenyalter sind: „Papi, du hast einen sehr, sehr coolen Chef.“
Soll ich noch meine Lieblingsgeschichte erzählen? Meine Lieblingsgeschichte ist die von Joschka Fischer. Es war so, dass, es war so, dass Rudolf Augstein starb. Wir haben ein großes Nachrufheft gemacht und Steingart hatte Fischer gefragt, ob er einen Nachruf schreiben könnte, was der auch gerne tat. Und in diesem Kommentar, der dann irgendwie freitags bei uns eintraf, war ein Satz, da stand drin, Rudolf Augstein sei der letzte große Journalist Deutschlands gewesen, der letzte große politische Journalist. Die heutige Generation – in Klammern wir – nur trockenes Stroh produzieren würde, was noch nicht mal wert sei, in Buchdeckel gepresst zu werden. Steingart rief sofort bei dem Minister an und sagte: „Schöner Nachruf, aber den Scheiß habe ich Ihnen rausgestrichen.“
Die Geschichte geht noch weiter, weil kurz darauf Stefan Aust, Gabor Steingart und ich uns mit einem Minister im Ganymed, das ist ein Restaurant auf der anderen Seite der Spree ist, treffen wollten und wir kamen rein und wer saß da? Joschka Fischer mit seiner Frau. Und als er Aust und Steingart sah, krähte er durch den ganzen Saal: „Ah, Kim Il Sung und Kim Yong Il.“ Das war an sich eine ganz treffende Beschreibung, weil die Leute hier aus dem Viertel wissen, dass Steingarts Ruf tatsächlich der des Kim Yong Il ist – man müsste ihn um ein Adjektiv ergänzen, des neoliberalen Kim Yong Il. Und wenn man hier in der Stadt unterwegs ist, wird man von vielen Kollegen, die nicht beim Spiegel arbeiten, gefragt: „Wie kann man es eigentlich mit diesem Mann aushalten?“
Das ist ja eine berechtigte Frage. Und ich sage dann immer: Einmal hat er eine sehr nette Frau geheiratet. Denn das spricht schon mal für seinen Charakter. Liebe Andrea, wir sind Dir sehr, sehr, sehr dankbar. Weil du hast ihn ruhiger gemacht, ein bisschen zumindest. Der zweite Punkt, den ich immer sage, wenn man mich fragt: „Wie kann man mit diesem Kerl eigentlich zusammenarbeiten?“ Dann sage ich: Er kann ein harter Knochen sein, aber er hat ein großes Herz. Ich kann das auch belegen. Eine Zeit lang stand vor unserem Büro immer ein Bettler. Das war der Bettler unseres Vertrauens.
Er hatte ein kleines Schild, dass er aus schweren familiären Gründen betteln müsste. Und Steingart hatte den ins Herz geschlossen, denn Steingart glaubt an das Gute im Menschen. So auch bei dem. Der Mann erzählte die Geschichte, dass er Ingenieur aus der DDR sei, dass er Rentner sei, dass er mal eine Zeitlang im Knast gesessen habe und dass er eine Tochter hatte, gehabt habe, die in Australien verunglückt sei, tödlich verunglückt sei, und dass er aber das Geld für die Überführung des Leichnams nicht gehabt hätte und sich das bei der Nachbarin geliehen habe, fünfzehntausend Euro. Steingart hat ihm nicht nur wöchentlich fünfzig Euro zugesteckt, er hat dann auch, wenn er Vorträge gehalten hat, dafür gesorgt, dass das Honorar an ihn ging. Er kriegte auch immer den Spiegel. Montags las er, Dienstags kam die Kritik: „Herr Steingart, sehr gutes Gespräch mit der Kanzlerin, aber da fehlte noch die eine Frage.“ Manchmal kam er auch bei uns ins Büro, dann wurden Zahlungspläne gemacht. Am Ende waren die 15.000 Euro zusammen – aber der Mann stand immer noch da. Er bräuchte ja ein bisschen über die Rente hinaus, er würde jetzt noch zwei Wochen da stehen und dann nicht mehr. Nach zwei Wochen verschwand er. Seither steht er bei Focus.
Noch ein drittes Argument möchte ich anführen, das nicht mit einer Geschichte verbunden ist, aber das seine Fähigkeiten kennzeichnet. Das ist, und ich habe mich heute auch noch mal bei den Kollegen umgefragt, auch bei den Damen im Vorzimmer, das ist seine Fähigkeit Leute zu motivieren und sie zu Leistungen zu bringen, die sie ohne ihn nicht erbracht hätten. Er hat viele dazu gebracht, sich selbst zu übertroffen.
Für heute sagen wir Dir auf Wiedersehen. Du kamst als Chef und gehst als Freund. Wir vermissen Dich jetzt schon. Aber es muss ja kein Abschied für immer sein. Er hat ja selbst mal gesagt: „Innerhalb von 24 Stunden sitze ich hinter jedem Schreibtisch der Welt.“ Meine Damen, meine Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.









