25.01.2010
Der Spiegel sollte auf ihn nicht verzichten
Chefredakteur Stefan Aust bei der Verabschiedung von Steingart als Hauptstadtbüroleiter, Frühjahr 2007, im Berliner Restaurant Borchardt
Ich bin beauftragt worden, etwas zu sagen. Sie sollten da auch zuhören. Nicht, weil es wichtig ist, sondern weil es sonst nichts zu essen gibt. Also, verehrte Frau Bundeskanzlerin, geschätzte sonstige Objekte unserer Berichterstattung, liebe Kollegen, lieber Gabor Steingart.
Wo, wenn nicht hier im Borchardt, könnte man den Abschied unseres Berliner Büroleiters Gabor Steingart besser feiern. Wo, wenn nicht hier, könnte man seine Nachfolger Dirk Kurbjuweit und Georg Mascolo besser in ihr neues Amt einführen. Dieser gesellschaftliche Ort kennzeichnet die Berliner Republik mindestens so gut wie Kanzleramt und Reichstag. Hier gab es schon die Große Koalition, als noch Rot mit Grün reagierte, Schwarz mit Gelb kokettierte, Grün mit Schwarz flirtete und zunächst in Berlin Rot mit Rot sich liierte. Diese Kontinuität des „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ möchten wir auch in Zukunft fortsetzen, auch in unserem Büro am Pariser Platz.
Gabor Steingart macht sich auf in die neue Welt, das alte Amerika, und ich will nicht verhehlen, dass damit auch ein Stück meiner eigenen Geschichte in diesem Hause sich auf die Socken macht. Wir haben zwölfeinhalb Jahre miteinander zugebracht. Die waren nicht immer nur friedlich. Zum Wirtschaftsressortleiter habe ich ihn ernannt, übrigens auf Vorschlag des Ressortleiters Bölke, der – das nur am Rande – in seiner Rolle als Sprecher der Mitarbeiter-KG meine Einsetzung als Chefredakteur verhindern wollte. Erfolglos, wie wir wissen.
Dessen Nachfolger wiederum in der KG wollten um alles in der Welt verhindern, dass Steingart mein Nachfolger wird, obwohl sie eigentlich hätten wissen müssen, dass ich meinen Sessel im 11. Stock sowieso niemals räumen werde, jedenfalls nicht lebend. Die Kampagnen gegen Steingart schreckten nicht einmal davor zurück, ihn als meinen Kronprinzen zu verunglimpfen. Nun leben wir ja glücklicherweise nicht in einer Monarchie, aber ich glaube, diese Bezeichnung im Wahlkampf hat ihn wirklich zu der Überzeugung gebracht: Nichts wie weg!
Am 1.11.2001 trat Gabor Steingart seinen Job als Berliner Büroleiter des Spiegel an. In diese Zeit fiel die anfangs müde, später gezwungenermaßen etwas munterere endlose Reformperiode und später die Schlussphase der Rot-Grünen Koalition, und dann natürlich die Große Koalition der Langeweile. Verzeihen Sie, Frau Bundeskanzlerin. Aber was für die Journalisten allenfalls gähnenswert, kann für die Bevölkerung ja segensreich sein, das ungeheure Privileg, in langweiligen Zeiten zu leben. Da scharrt der Journalist natürlich mit dem Bockhuf und wendet sich den Konflikten und Katastrophen des Auslandes zu. Sechs Jahre Steingart im Hauptstadtbüro des Spiegel, das waren die Jahre mit Titelgeschichten, wie Sie sie hier finden. Ich will jetzt nicht alles erwähnen, aber die wohl längste Titelzeile aller Zeiten will ich dann doch erwähnen. Sie hängt da oben rechts. Sie lautete: Wenn wir die Arbeitslosenquote nicht spürbar senken, dann haben wir es nicht verdient wiedergewählt zu werden. – Gerhard Schröder, Bundeskanzler.
Das hat man uns sehr übel genommen und wir werden deshalb in Zukunft, auch bei den Nachfolgern, glaube ich, uns einig sein, niemals wieder Originalzitate von Bundeskanzlern auf die Titelseite zu setzen. Die Frage allerdings „Was will, in Klammern, kann Angela Merkel?“ werden wir auch in Zukunft wahrscheinlich noch häufiger stellen. Vor allem in der Schlussphase von Rot-Grün, als wir unsere Kritik an der allzu zaghaften Reformpolitik deutlich gemacht haben, hat uns das viel Kritik von politischen und publizistischen Freunden Schröders eingebracht. Ein paar habe ich hier auch schon entdeckt. Manchmal hatten wir dabei schon den Eindruck, Rot-Grün ganz allein gestürzt zu haben, was der Unehre natürlich etwas zu viel ist. Vor allem Steingart wurde zur Zielscheibe. Er hat das tapfer getragen, aber ich weiß, dass es ihn ziemlich getroffen hat, ständig als Neoliberaler vom Dienst angefeindet zu werden, er, der schließlich mal für die Grünen im Stadtrat von Marburg saß. Ich sage Ihnen, verehrte Gäste, der Mann ist sensibler, als Sie denken. Gehen Sie wenigstens heute behutsam mit ihm um. Der hat nicht, wie meine Mutter immer über mich sagte, ein Gemüt wie ein Schlachterhund. Aber tapfer ist er.
Nun also die große weite Welt, für ein Jahr will Steingart sein Buch dem amerikanischen Markt näherbringen, nun auch den Amerikanern und dem Rest der Welt erklären, was Globalisierung ist. Er will sich den Präsidentschaftswahlkampf näher ansehen. Hoffentlich landet er dann nicht irgendwann als Berater im Weißen Haus. Die Präsidentschaft – das müssen Sie, Herr Steingart, leider zur Kenntnis nehmen – bleibt Ihnen verwehrt. Dazu hätten Sie in den USA geboren sein müssen. Aber ansonsten, davon bin ich fest überzeugt, steht Ihnen alles offen. Ich aber hoffe sehr, dass Sie auch nach dem Ausflug zurück zum Spiegel nach Deutschland kommen. Auf Leute wie Sie sollte das Haus nicht verzichten. Vielen Dank meine Damen und Herren!









