25.01.2010
Das Prinzip Unabhängigkeit
Steingarts Abschiedsrede als Haupstadtbüroleiter, Frühjahr 2007 im Berliner Restaurant Borchardt:
Schönen guten Abend allerseits, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Wegbegleiter aus den Medien und aus der Politik, liebe Kritiker. Wenn einer geht, beginnt ja gewöhnlich kurz danach die Zeit der Verklärung, die gute Nachrede. Ich wollte Sie heute schon ermuntern, damit doch einfach heute Abend schon zu beginnen.
Ich liefere Ihnen heute einfach mal ein paar Argumente, die Sie vielleicht noch gar nicht kannten. Es gibt nämlich verborgene Leistungen des Spiegel-Hauptstadtbüros, die bislang noch nicht richtig gewürdigt wurden. Wenn es nach uns ginge, Frau Bundeskanzlerin, dann hätte der demographische Faktor nicht erfunden werden müssen, das Buch „Methusalem-Komplott“ nicht geschrieben werden müssen. Wir haben die Geburtenrate in den vergangenen sechs Jahren verdoppelt. Wir sind jetzt 50 Kinder und über 25 davon sind in den letzten sechs Jahren gezeugt worden. Unsere Redakteure schauen offenbar optimistischer in die Zukunft, als es die Artikel vermuten lassen.
Dass wir zwischendurch noch Zeit hatten, uns mit Journalismus zu beschäftigen, wird Sie jetzt fast verwundern. Wir haben 65 Titel in den sechs Jahren von hieraus bestritten, ungefähr 200 Spiegel-Gespräche und 300 Aufmacher, womit wir bei unserem eigentlichen Kerngeschäft wären, dem Journalismus. Hier nun leider scheiden sich ja die Geister. Es wurde ein Tabubruch begangen, sagen meine Kritiker. Und ich gebe ihnen ausdrücklich Recht, was die Sache – ich weiß das schon – bei Ihnen nur verschlimmert.
Im Zweifel links, das war das, was unser Herausgeber uns mitgegeben hatte, so zumindest wird er gern zitiert, unser Herausgeber und Gründer, Rudolf Augstein. Daran haben wir uns, Rudolf Augsteins Einverständnis voraussetzend, nicht gehalten. Wir hatten Zweifel an Links, einige sind auch verzweifelt an Links. Und dieses Unbehagen, das sich später zu einer Gewissheit verdichtete, dass diese rot-grüne Formation die eigenen Versprechungen und Erwartungen nicht wird erfüllen können, haben wir nicht in uns hineingemurmelt, sondern wir haben es aufgeschrieben. Wir haben daraus Titelgeschichten gemacht, auch wütende, die wie Protestplakate aussehen. Rot-Grün war zu Recht von den Socken. Eine Regierung – jeder weiß das – stützt sich auf die Wähler, und andererseits auch auf das Geflecht in der Gesellschaft, auch in den Medien, das sie trägt. Und da war es seit Gründung der Republik so: Der Rot-Funk vom WDR gegen die Springer-Presse. FAZ sah es so, dann sah es die Süddeutsche anders. Stern und Spiegel gingen immer auf die Konservativen los, von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl. Die Presselandschaft war eine Nachbildung der politischen Landschaft.
Unser Tabubruch bestand darin, das wir uns an diese alte Arbeitsteilung nicht mehr gehalten haben. Ich habe das als befreiend empfunden. Die Dutz-Patronage nicht nur beim Spiegel zwischen Politikern und Medien, sie wirkte nicht mehr. Nähe erspart Umwege, hieß es auf der Verabschiedung der allseits geschätzten Spiegel-Kollegen Hartmut Palmer und Jürgen Leinemann. Ich plädiere dagegen für mehr Distanz, einen Sicherheitsabstand zwischen Politikern und Medien. Nähe macht zuweilen blind. Der deutsche Journalist, das sagte schon Tucholsky, braucht nicht bestochen zu werden. Er ist stolz eingeladen zu sein. Er sei schon zufrieden, wenn er wie eine Macht im Lande behandelt werde. Das Prinzip Unabhängigkeit war unser Programm.
Der Pulverdampf hat sich verzogen. Ich bitte auch unsere Kritiker heute um Nachsicht, vielleicht sogar um etwas Nachdenklichkeit.
Allen Kolleginnen und Kollegen im Berliner Büro danke ich sehr herzlich für den jahrelangen. kräftezehrenden Einsatz. Wir haben viel gelacht in all den Jahren und auch verhältnismäßig wenig geweint. Besonderer Dank gilt den eigenen Stellvertretern, drei über die Jahre, Jan Fleischhauer, Konstantin von Hammerstein und Dirk Kurbjuweit. Auch hier die Einsatzfreude lässt sich schwerlich übertreffen, der Widerspruchsgeist auch.Wir waren ein grossartiges Team. Ich werde Euch sehr vermissen.
Mein letzter Dank geht an die treueste Seele, die wir in dieser Stadt haben – und das ist der namenlose Informant. Er ist uns ans Herz gewachsen. Aus guten und bösen Motiven, wir fragen nicht danach, kolportiert er Sachverhalte, reicht Szenen weiter. Und einer will ich Ihnen gern als Vorbild empfehlen. Es ist übrigens einer Ihrer Stellvertreter, Frau Merkel. Nach dem Präsidium, wir waren einen Kaffee trinken, es war viel passiert und besprochen worden im Führungskreis der CDU, Hammerstein und ich fingen schon an, uns Notizen zu machen, da sagt der Mann zu uns: Meine Herren, ich bitte sie, machen Sie es sich nicht kompliziert, ich habe alles mitgeschrieben. Ich gebe Ihnen meine Zettel. Ihr wollt es doch immer gerne präzise haben.
Das wünsche ich den Nachfolgern auch, solche Informanten. Dem Spiegel wünsche ich viel Glück und mir wünsche ich, dass Verbeugungen aller Art vor dem Zeitgeist nicht so tief ausfallen, so dass man hinterher auch wieder hochkommt. Der Spiegel ist politisch oder gar nicht. Damit verabschiede ich mich nach Washington. Ich bin dann mal weg.







