Gabor Steingart

Nach dem TV-Duell

Obama auf der Zielgeraden

Von Gabor Steingart, Der Spiegel

Noch 18 Mal schlafen und Amerika hat einen neuen Präsidenten. Der Endspurt im Rennen um die Macht hat begonnen – mit einer Vorentscheidung. 60 Millionen Zuschauer verfolgten am vergangenen Donnerstag das TV-Duell zwischen dem Republikaner John McCain und dem Demokraten Barack Obama. Ergebnis: Die Wahl scheint gelaufen. Obama liegt nun deutlich vorn.

Es ist die erste Wahl, von der man womöglich im Rückblick sagen wird: Wall Street hat sie entschieden. Aber nicht mit dicken Spenden wie man meinen sollte, sondern mit dicken Verlusten. Die Finanzkrise ist Obamas bester Wahlkampfhelfer.

Bisher war die Resonanz auf ihn, wenn man ehrlich ist, eher durchwachsen. Ein Obama-Fieber hat es gegeben, aber nur in Teilen der amerikanischen Gesellschaft. Die ganz Jungen sind aus dem Häuschen. Die Akademiker auch. Große Teile der Journalisten sowieso. Die weiße Mittelschicht aber hatte bis vor kurzem die Arme überm Bauch verschränkt. Man fand Obama interessant. Zeit für einen Wechsel war auch. Aber, und dann kamen die vielen Abers.

In den Umfragen lag er mal vorn, mal hinten. Ein Sieg war alles andere als sicher. Die größte Zuschauermenge hatte er – in Berlin. Die höchste Umfrageerfolge erzielte er – in Deutschland. Nicht dass Obama nun die Zweifelnden und Zögernden alle überzeugt hätte, John McCain hat sie überzeugt. Und zwar davon, das er nicht der Richtige ist.

Drei Ereignisse haben ihn in den vergangenen Wochen schwer beschädigt. Erstens: die Wahl seiner Vizepräsidentschafts-Kandidatin. Diese gleichermaßen unerfahrene wie unerschrockene Frau aus Alaska hat zwar seine konservative Basis mobilisiert. Aber die Wechselwähler zuckten zurück. Sarah Palin war ein Missgriff, wenn auch ein origineller.

Die Finanzkrise: Nach all den Fehlschlägen im Krieg gegen den Terror, in Afghanistan und in Bagdad war das die eine Niederlage zuviel. Die Mehrzahl der Menschen versteht zwar bis heute nicht, was da an der Wall Street passiert ist. Aber eines weiß man ganz genau: Es hat was mit Bush und den Konservativen zu tun.

Der dritte Grund für den Abstieg des Kandidaten John McCain ist John McCain selbst. In drei 90-minütigen TV-Debatten hatte er die Chance, seinen Rettungsplan für die Bankenwelt zu präsentieren, seine Führungskraft unter Beweis zu stellen, sich von W. Bush abzusetzen, aber er tat von allem das Gegenteil.

Erschreckend: In der Debatte vom Donnerstag dieser Woche hatte man streckenweise das Gefühl, er hat die ganze Sache nicht wirklich verstanden.

Da teilverstaatlicht die US-Regierung die führenden Banken des Landes, er aber redet von der freien Marktwirtschaft als sei nichts gewesen. Da gibt die Regierung rund eine Billion Dollar, also rund 1000 Milliarden an Steuergeld aus, und er verspricht Kürzungen im Budget des Landes durchzuführen.

Der Vietnam-Veteran wirkte nun “out of touch”, wie die Amerikaner das nennen. Völlig losgelöst, ohne Gefühl für die Wirklichkeit.

Wenn es in Politik fair zuginge, hätte sich Obama am Donnerstag bei McCain bedanken müssen. Er hätte sagen müssen: Lieber John McCain, ich und meine Unterstützer haben es weit gebracht. Aber über die Ziellinie haben Sie uns geholfen.

Dass auch Obama zur Finanzkrise bisher kaum ein substanzielles Wort verloren hat, spielt jetzt keine Rolle mehr. Er hatte etwas anderes anzubieten – den versöhnlichen Obama-Ton, der da sagt: Riesenproblem, ich habe verstanden, ich kümmere mich, und diesmal werden nicht wieder nur die Reichen triumphieren.

Ist der Wahlkampf damit gelaufen? Dafür gibt es keine Garantie. Niemand weiß, welche Rolle die Hautfarbe am Ende spielen wird. In der Einsamkeit des Wahlaktes kann manches nach oben drängen, was bisher nach unten gedrückt wurde.

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