07.01.2010
Die Business-Party
Noam Chomsky: Die Verantwortung der Intellektuellen. Zentrale Schriften zur Politik, Verlag Antje Kunstmann
Redakteur am Mikrofon: Jasper Barenberg
Irakkrieg und Wirtschaftskrise haben einem Veteran der amerikanischen Intellektuellen-Szene ein Comeback beschert: Noam Chomsky, dem Sprachwissenschaftler und wohl bekanntesten linken Dissidenten der Vereinigten Staaten. Seine Radikalität hat Chomsky weltweit Ruhm eingetragen. Und bei seinen Gegnern das Etikett eines nicht ganz ernst zu nehmenden politischen Wirrkopfes. In Deutschland ist gerade eine Sammlung seiner politischen Schriften erschienen. Der Amerika-Korrespondent des Spiegel, Gabor Steingart, hat sie gelesen und Noam Chomsky in Boston besucht.
Wenn Barack Obama das neue Amerika verkörpert, dann steht Noam Chomsky für das andere Amerika. Der Intellektuelle aus Boston ist der wortgewaltigste Kritiker des American Way of life, dieser besonderen Mischung aus notorischem Optimismus und hemmungslosem Konsumismus. In seinem soeben auf deutsch erschienen Buch “Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen. Zentrale Schriften zur Politik” kritisiert Chomsky die politische und die ökonomische Ordnung der USA. Der Professor für Linguistik tut das eindringlich und wortgewaltig, radikal wie immer. Das Wort Altersmilde kennt er nicht.
Große Hoffnung auf Besserung macht der Mann, der Anfang Dezember 80 Jahre alt wird, sich und uns nicht. Aber auch das ist gewissermaßen sein Markenzeichen. Dem notorischen Frohsinn vieler Amerikaner – Hillary Clinton spricht vom “happy talk” – setzt Chomsky seine düstere Weltsicht entgegen. Wer ihn liest braucht Pullover oder Jacke. Chomsky sorgt für Fröstelstimmung.
Die weltweite Finanzkrise scheint ihn, pünktlich zum Deutschlandstart dieser Sammlung von Reden und Essays, zu bestätigen. Ausgangspunkt allen Übels ist: Die Wall Street. Die Zukunftsaussicht: düster bis dunkel. Das vorherrschende Gefühl der Menschen: Angst oder zumindest Unsicherheit. Da braut sich was zusammen und Chomsky kann mit Fug und Recht von sich sagen: Ich habe es nicht nur gewusst, ich habe es auch gesagt und geschrieben. Die Zufriedenheit war ihm anzumerken als ich ihn kürzlich in seinem Büro auf dem Universitätsgelände in Boston besuchte. Chomsky erklärt, warum der Kapitalismus niemals perfekt funktionieren wird:
Es ist wohl bekannt unter Ökonomen, das Märkte ineffizient sind, verengt in ihrer Wahrnehmung. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Sie verkaufen mir ein Auto. Wir beide machen ein gutes Geschäft. Aber wir berücksichtigen nicht, den Effekt, den dieses Geschäft auf Dritte hat. Und da sind Effekte: Die Benzinpreise steigen, die Abgase nehmen zu, die Staubildung wird vergrößert und das wieder verschärft die anderen Effekte. Diese externen Effekte können gewaltig sein.
In den Geldmärkten lag genau da das Problem: Es wurden Häuser verkauft und Kredite gewährt, aber die Risiken die für Dritte entstanden, sah keiner oder wollte keiner sehen. Chomsky sagt:
Das Risiko ist nicht richtig berechnet, es ist unterbewertet.
So produziert denn das Wirtschaftsystem Amerikas in immer kürzeren Abstanden Spekulationsblasen, Börsenkräche, Arbeitslosigkeit. Das Wort von der sozialen Ungleichheit wirkt, bezogen auf die amerikanische Gesellschaft der Gegenwart, mittlerweile eher beschönigend. Chomsky plädiert daher für ein neues Staatsverständnis. Und erstmals seit langem hat er Chancen, dass man ihm aufmerksam zuhört. Der Ausspruch von US-Präsident Ronald Reagan – Der Staat ist nicht die Lösung, der Staat ist das Problem – war zum Glaubensbekenntnis vieler Amerikaner geworden. Das scheint nun an Strahlkraft zu verlieren. Chomsky sagt: Endlich!
Die Regierung ist doch keine ausländische Macht, die dich bestiehlt. Regierungsintervention bedeutet der Öffentlichkeit eine Rolle zu geben.
Chomskys Streitschrift ist also politisch und aktuell. Aber: Man kann dieses Buch auch als zeitlose Ratgeberliteratur lesen. Der Professor will erzieherisch wirken, den Einzelnen zu einer bestimmten, nämlich radikal kritischen Grundhaltung ermuntern. Er rät davon ab, den Modevokabeln, die noch jede Epoche hervorbringt, auf den Leim zu gehen. Er will anregen, das Gegenteil dessen zu denken, was alle denken.
Der Bezugspunkt für den Intellektuellen hat dabei die Wahrheit zu sein – und nichts als die Wahrheit. Nicht das nationale Interesse, nicht die Nützlichkeit für eine Partei oder eine Wirtschaftsunternehmung haben ihn zu interessieren, auch nicht die Auflage oder Quote übrigens.
Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen, so Chomsky, geht daher über die Verantwortung der Völker, der Normalbürger also, weit hinaus. Nur die gebildeten Stände seien schließlich in der Lage, die Lügen einer Regierung zu entlarven, die Handlungen der Mächtigen nach Ursachen, Motiven und verborgenen Absichten zu durchforsten.
Sie, die Intellektuellen, besitzen Macht, nicht nur als Meinungsmacht, sondern vor allem besitzen sie die elementare Macht zu verstehen. Sie haben Zugang zu Information, zu Bildung und zur Meinung anderer. Das alles ermöglicht, so Chomsky, den Schleier von Verdrehung, Verzerrung und Ideologie zu durchschauen. Beim Verstehen allein soll der Intellektuelle allerdings nicht stehen bleiben. Chomsky ruft zur Aktion auf. Er führt einen KZ-Mann in sein Essay ein, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges von den herannahenden Russen erfährt und auch davon, dass sie ihn hängen wollen. Da bricht der Mann in Tränen aus und fragt: Warum nur? Was hab ich getan?
Das Recht, den KZ-Mann zu verurteilen habe nur der, der selbst stark genug sei, sich einer ungerechten Autorität zu widersetzen. Die Frage – was hab ich getan? – sollte jeder auch an sich selber richten, sagt Chomsky bewusst doppeldeutig.
Das Buch dokumentiert, da die Aufsätze bis in die 60er Jahre zurückreichen, auch die Fehleinschätzungen des Professors. Selbstkritik allerdings taucht in diesem Buch nicht auf. Chomsky Anhängerschaft liebt ihn so wie er ist – klar und klug, aber eben auch ohne Schattierungen.
So hält er von der amerikanischen Demokratie, die doch gerade erst einen so lebhaften Wahlkampf erlebt hat, nicht viel. Da Amerika immer wieder Kriege führt, zuletzt im Irak, misstraut er ihr. Er sieht nur eine Partei, die Business-Party, die Partei der Geschäftswelt, an der Macht. Die freilich besitze zwei Fraktionen, eine rechte und eine gemäßigte.
Das ist das, was ich ein Demokratiedefizit nenne. Wir besitzen formale demokratische Institutionen, aber sie funktionieren nicht. Wir müssen das überwinden. Das berührt so viele Themen.
Kein Wunder also: Der Hoffnungsträger Obama ist für ihn nur eine weitere Ablenkung vom tatsächlichen Wesen dieser Geschäftswelt-Partei. An den Senator aus Chicago zu glauben hält er für Zeitverschwendung. Die Begeisterung in Deutschland und seinen Nachbarstaaten – für ihn eine Europäische Selbsttäuschung. Den morgigen Wahltag nennt er eine “alle vier Jahre stattfindende Komödie”. So erklärt dieses Buch eben auch, warum Chomsky immer Teil der Minderheit war und wohl auch bleiben wird. Er kann keine Alternative benennen. Er weist keinen Ausweg aus der Dunkelheit von Krieg und Wirtschaftskrise. Die Kernfrage – die Machtfrage – lässt er unbeantwortet. So dürfte die “Verantwortlichkeit der Intellektuellen”, um den Titel des Buches noch einmal aufzugreifen, auch darin bestehen, über Chomsky hinaus zu denken. Vielleicht ist das sogar die eigentliche Lehre des Buches – alles muss kritisiert werden, auch der Kritiker.
Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen. So der Titel einer Sammlung politischer Schriften von Noam Chomsky, erschienen im Verlag Antje Kunstmann, 451 Seiten kosten Euro 24,90. Unser Kritiker war Gabor Steingart.








