07.01.2010
Auf der Gewinnerseite
Die Saudis und die neue Ölkrise
Von Gabor Steingart
Schuld am hohen Ölpreis sind: die Saudis, die Chinesen und der liebe Gott. Fangen wir bei letzterem an: Die Natur hat uns nur einen begrenzten Vorrat an Öl hinterlegt. Selbst wenn immer noch neue Rohöldepots entdeckt werden – wie jetzt in Brasilien – sind die Vorkommen begrenzt.
Die Vorratskammer Erde ist – 200 Jahre nach Beginn der industriellen Revolution – bereits reichlich geplündert. Kommen wir zu den Chinesen, die hier nur stellvertretend für alle aufstrebenden Staaten Asiens und Lateinamerikas genannt seien. Ihr Wirtschaftswachstum ist beeindruckend und beängstigend zugleich. Denn: Sie verbilligen unsere Telefone, Fernseher und Computer. Aber der kleine Preis an der Ladentheke hat ein großes Nachspiel – an der Zapfsäule und beim Heizen der Häuser. Der Energiehunger ihrer Exportindustrie treibt die Preise, überall im Westen. Eine Füllung für den VW-Golf kostet mittlerweile 80 Euro.
Ein Durchschnittshaushalt wird in diesem Jahr für Benzin, Gas und Heizöl wohl oder übel bis zu 1000 Euro zusätzlich ausgegeben müssen. Womit wir bei den Gewinnern der neuen Ölknappheit wären: dem Königshaus von Saudi Arabien. Das größte Ölförderland der Welt profitiert von der zusätzlichen Nachfrage wie all die anderen Erdöl-Staaten auch.
Der Ölpreis ist seit 1996 nicht nur gestiegen, sondern regelrecht explodiert; plus 470 Prozent in zwölf Jahren. Die Scheichs haben gut lachen. Weltweit führen die steigenden Ölpreise zu einer Umverteilung von Wohlstand und politischer Macht. Die Rohstoff-Habenichtse wie Amerika und Deutschland, aber auch China und Indien müssen einen steigenden Anteil ihrer Wirtschaftsleistung und damit ihres Wohlstandes an die Erdölländer abführen. Unsere Ausgaben sind ihre Einnahmen, weshalb alle Ölförderstaaten wirtschaftlich glänzend dastehen. Die neue ökonomische Macht macht politisch mutig. Es fällt schon auf, dass die Aufmüpfigen dieser Tage aus jenen Ländern stammen, die am teuren Öl kräftig verdienen.
Ministerpräsident Wladimir Putin aus dem öl- und gasreichen Russland trumpft auf. Auch Irans Präsident Ahmadinedschad darf sich als Gewinner der Umverteilung fühlen. Sein Selbstbewusstsein ist mit den hohen Ölnotierungen weiter gestiegen. Alle Überlegungen des Westens, den Iran wegen seiner Atompläne mit harten Sanktionen zu belegen, sind zum Scheitern verurteilt, weil Iran den Stoff besitzt, den alle anderen so dringend brauchen.
Wohl zur Beruhigung der aufgebrachten weltweiten Kundschaft hatte König Abdullah jetzt zur einer Öl-Krisen-Konferenz in die saudische Hafenstadt Djidda geladen. Ölkonzerne und Ölabnehmerstaaten kamen angereist. Mit dabei: Eine 40-köpfige deutsche Delegation unter Führung von Wirtschaftsminister Michael Glos. Die Energiekosten der Anreise hätte man sich allerdings sparen können. Das Ergebnis des Spektakels stand in keinem Verhältnis zum Aufwand. Das nämlich hätte in ein zweiminütiges Telefonat gepasst. Saudi-Arabien will die Fördermenge leicht erhöhen. Unwesentlich, sagen alle Experten. Die westlichen Industriestaaten wollen ein bisschen mehr sparen. Das kennt man. Aber: Der Weltenergiebedarf steigt schneller als alle Einsparerfolge. Deshalb auch nutzten Staaten wie Indien die Konferenz, um bilateral Geschäfte zu machen.
Eine Erdgas-Pipeline soll gebaut werden, 2775 Kilometer lang, vom Iran über Pakistan nach Indien. Das alles bedeutet für den Ölpreis: er wird mittelfristig weiter steigen. Und zwar kräftig. Das bedeutet für die westliche Durchsetzungskraft: Sie wird weiter sinken. Nicht in einem Ruck, aber mit jedem zusätzlichen Dollar für das Barrel Öl ein bisschen. Abhilfe schaffen kann nur ein technologischer Durchbruch – zum Beispiel bei den Ölersatzstoffen. Wenn der Biologe Craig Venter Recht behielte, gibt es bald wieder genug Erdöl. Bakterien sollen es produzieren, sagt er. Die Lösung für alle Energieprobleme der Welt ist demnach schleimig, gefräßig und dümpelt in einer Petrischale vor sich hin. Craig Venter ist der Mann, der im Jahr 2000 als erster das menschliche Genom entschlüsselt hatte. Jetzt züchtet er im US-Bundesstaat Maryland Bakterien, die Erdöl produzieren. Wahnsinn? Vielleicht.
Wissenschaft und potente Investoren aber hängen an Venters Lippen, seitdem er das Vorhaben vorletzte Woche öffentlich machte. In Zeiten der Ölknappheit wird Optimismus zur ersten Bürgerpflicht.
Wahrscheinlicher als ein Wunder ist derzeit eine Wirtschaftskrise. Auch sie würde den Ölpreis am ständigen Steigen hindern. Das ist ja gerade die Sorge der Saudis. Denn dann wären die schönen Extragewinne wieder dahin. Wir alle würden allerdings mit ihnen leiden: Wirtschaftskrise bedeutet beides: sinkende Ölpreise und sinkende Löhne bei steigender Arbeitslosigkeit. Das will keiner. Auch nicht König Abdullah.
Sein schlitzohriger Vorschlag an die westlichen Regierungen lautete daher: Senkt doch die Mineralölsteuer! Macht das Benzin billiger! Vor dem Tagungsgebäude könnte man an der Tankstelle besichtigen, was der König unter billig versteht. Der Liter Benzin kostet in Saudi Arabien neun Cent.








