20. Juli 2007 Seit siebzehn Jahren ist der 1962 in Berlin geborene Gabor Steingart nun Redakteur beim „Spiegel“. In den vergangenen sechs Jahren leitete er dessen Haupstadtbüro, seit Beginn dieses Monats arbeitet er für das Magazin als Autor aus Washington.

Er hat zudem mehrere Bücher verfasst, zuletzt „Weltkrieg um Wohlstand. Wie Macht und Reichtum neu verteilt werden“ (2006). Sein jüngster beruflicher Standortwechsel von Hauptstadt zu Hauptstadt bot Anlass für dieses Gespräch.
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Fühlen Sie sich als Alpha-Journalist?

Wenn damit gemeint ist, dass ich meinungsfreudig und manchmal auch etwas vorlaut bin, dann lässt sich das schwer bestreiten. Schon im Schulzeugnis der 11. Klasse stand: „Gabor erkennt keine Autoritäten an.“

Gemeint sind Journalisten, die Politik nicht nur beobachten, sondern selber welche machen.

Der Journalist ist nicht nur Beobachter. Er schreibt und nimmt damit eine Haltung zu seinen Beobachtungen ein. Er bildet sich eine Meinung, er kommentiert, er ruft dazwischen, begeistert oder entsetzt, je nachdem, in jedem Fall aber beteiligt er sich so an einer Debatte. Im besten Falle stößt er diese Debatte sogar an. Kurz gesagt: Im Meinungskampf sehe ich den politischen Journalisten auf Augenhöhe mit den Akteuren aus den Parteien.

Es gibt wirklich keinen Unterschied zwischen Journalist und Politiker?

Doch. Der Politiker, sofern er ein Amt innehat, entscheidet über Gesetze und Kabinettslisten. Er regiert. Das tun die Medien nicht. Im Vorfeld des Regierens aber findet eine Meinungsbildung statt, an der sich möglichst viele beteiligen sollten, nicht zuletzt auch die Journalisten. Die Parteien besitzen in der Demokratie kein Meinungsbildungsmonopol.

Der britische Premierminister Tony Blair hat bei seinem Abgang den Journalisten ein denkbar hartes Zeugnis ausgestellt, er sprach von der Anmaßung eines ganzen Berufsstands.

Tony Blair sprach von „Macht ohne Verantwortung“, getreu der Devise aller Machtpolitiker: Angriff ist die beste Verteidigung. Der britische Premier ist an der Seite von George Bush mit frei erfundenen Kriegsgründen in den Irak einmarschiert. Das war eine „Politik ohne Legitimation“, für die Blair und Bush von den Medien zu recht hart angegangen wurden.

Beim letzten Bundestagwahlkampf konnte man den Eindruck gewinnen, beim „Spiegel“ ginge die aktive Rolle ziemlich weit. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte sogar den Eindruck, er sei „weggeschrieben“ worden. Er sprach von Medienmacht und Medienmanipulation.

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie Gerhard Schröder im Endspurt der Bundestagswahl 1998 im kleinen Kreise an uns „Spiegel“-Leute appellierte, ihn zu unterstützen. Chefredakteur Stefan Aust, der damalige Bonner Büroleiter Olaf Ihlau und ich saßen mit Schröder in Bonn zusammen. Der Kanzlerkandidat der SPD trug ganz unverblümt seine Erwartungen vor. Der „Spiegel“ möge ihm beistehen, sonst sei „der Kohl nicht zu packen“. Nur vor dieser Erwartungshaltung ist die spätere Enttäuschung zu verstehen.

Der „Spiegel“ hat später der rot-grünen Regierung regelrecht den Kampf angesagt. Ein Tabubruch für den „Spiegel“, der laut seinem Gründer Rudolf Augstein „im Zweifel links“ sein sollte?

Es war ein Tabubruch, aber ein notwendiger. In der gesamten Nachkriegszeit war die publizistische Landschaft eine Eins-zu-eins-Nachbildung der politischen: WDR-Rotfunk gegen Springer-Presse, wenn die „Süddeutsche“ liberal kommentierte, hielt die F.A.Z. aus Prinzip dagegen. „Stern“ und „Spiegel“ kämpften Seit’ an Seit’ gegen alles, was konservativ war, von Adenauer bis Kohl.

Dann aber geschah das Unglaubliche: Die publizistische Landschaft als Kopie der politischen ist zerbrochen, nicht nur beim „Spiegel“. In meinen Augen kommt dieser Vorgang, der ja bis heute anhält und die Medien unberechenbar und damit wieder interessant macht, einer Selbstbefreiung des Journalismus gleich.

Der „Spiegel“ hat mit seinen Titelstorys Rot-Grün konsequent aufs Korn genommen, geradezu kampagnenartig.

Ich widerspreche nicht: Wenn Kritik und wiederholte Kritik eine Kampagne ist, dann haben wir eine Kampagne betrieben. Die Substanz von Rot-Grün war aufgezehrt, ohne dass den Akteuren das damals schon klar war. Im Rückblick urteilen im Übrigen auch Fischer und Schröder deutlich milder über den „Spiegel“. Es gibt Bitterkeit, aber keine Feindschaft.

Andererseits besteht doch gerade in Berlin die Gefahr, dass man Teil einer polit-journalistischen Szene wird, die sich nur um sich selbst dreht. Alle sind unzufrieden und rufen nach der großen Utopie.

Wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen, hat Altkanzler Helmut Schmidt einmal gesagt. Ich hielte es für einen Fehler, wenn sich alle dieser Meinung anschließen würden. Politik braucht Vision. Sie braucht sogar mehr als eine, damit der Wähler wählen kann.

Davon kann im Moment nicht die Rede sein. Ein Schaden für die Demokratie?

Im Moment erleben wir bei den Volksparteien eine einzigartige Angebotsverengung: Angela Merkel regiert links von Helmut Schmidt, Kurt Beck rechts von Willy Brandt. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Oskar Lafontaine ist die linke Antwort auf diese Sortimentsverknappung, ein David Copperfield der deutschen Politik. Auf der Rechten werden wir womöglich Ähnliches erleben. Eine konservative Partei, die ihre Grundüberzeugungen unsichtbar macht, schadet sich selbst.

Könnte es nicht sein, dass die Politik heute nur noch für die Medien gemacht wird – weil die das erfordern? Dauernde Auftritte vor Kameras, Interviews im Minutentakt. Was soll dabei herauskommen?

Medienarbeit gehört zur Politik wie der Clown zum Zirkus. Aber ich sehe auch nachdenkliche Politiker, die ihre Themen jenseits von Talkshow und Sekundenstatement tief durchdringen. Das war sehr ausgeprägt bei Joschka Fischer so, der sich in beeindruckender Weise selbst zum Außenpolitiker ausgebildet hat.

Das ist nicht anders bei der heutigen Bundeskanzlerin, die einerseits Generalistin ist, zugleich aber ihre oberste Gesundheitspolitikerin. Denn Visionen ohne Sachkunde und ohne das Handwerkszeug des Pragmatikers sind nicht viel wert. Auch der großen Idee der Brandtschen Entspannungspolitik folgten viele kleine Schritte.

Was halten Sie von der Beobachtung, dass der politische Journalismus selbst ein geschlossener neoliberaler Block geworden ist, der mit seinen großen Forderungen die Belange der Bürger aus dem Blick verloren hat?

Früher hieß es „Dann geh doch rüber“, heute beschimpft man Andersdenkende als „neoliberal“. Der Grund ist beide Male derselbe: Man will einer Diskussion ausweichen. So verlieren wir weiter Zeit, und wenn die narkotisierende Wirkung des Wirtschaftsaufschwungs sich verflüchtigt hat, stehen wir wieder vor den alten Fragen: Wie lässt sich soziale Sicherheit für eine schrumpfende Gesellschaft organisieren? Welchen Beitrag muss das Kapital leisten, welchen die Arbeitnehmer? In welcher Weise verändert die Globalisierung die Spielregeln? Welche Rolle hat ein moderner Staat zu spielen?

Warum haben Sie jetzt das Hauptstadtbüro des „Spiegel“ verlassen und sind nach Washington gegangen?

Weil mir diese Lernerfahrung bisher fehlt. Ich kam als Achtundzwanzigjähriger zum „Spiegel“, war von den bisher siebzehn Jahren vierzehn Jahre lang Ressortleiter im Inland. Amerika und der dort beginnende Präsidentschaftswahlkampf faszinieren mich.

Der Grund ist nicht, dass Sie nicht an die Spitze der Mitarbeiter-KG gewählt worden sind? Was Sie ja wollten?

Ja und nein. Die Idee, ins Ausland zu gehen, hatte ich vorher. Allerdings: Wäre ich gewählt worden, hätte ich diesen Schritt nicht tun können. So verschafft mir der Wahlausgang eine doppelte Erfahrung: Ich weiß jetzt, wie eine saftige Niederlage schmeckt, und ich lerne Amerika kennen.

Und wenn Sie aus Washington zurückkehren werden Sie Chefredakteur des „Spiegel“?

Seit der elften Klasse habe ich einiges dazugelernt, auch im Umgang mit Autoritäten. Bei uns ist es nun mal so: Der Chefredakteur krönt sich nicht selbst. Die Gesellschafterversammlung entscheidet.

Die Fragen stellten Michael Hanfeld und Jürgen Kaube.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung

http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~ECD3F4EE6A26641F291CD38646614B33B~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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