Film anlässlich der Verleihung des “Helmut Schmidt Journalistenpreis”


 

“WIR SIND ALLE WÜRMER”
Danksagung anlässlich der Verleihung des Helmut Schmidt-Journalistenpreises 2007

16-steingart-schmidtSehr verehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrter Herr Vorstandsvorsitzender, liebe Jurymitglieder, meine Damen und Herren.

Mein großer Dank gilt zunächst der Deutschen Direktbank, es war eine wirklich gute Idee den ausgelobten Journalistenpreis nicht ING-DiBa Preis zu nennen. Diese Bescheidenheit gereicht ihnen und jedem Preisträger, so auch mir, zur Ehre.

Die jetzige Arbeitsteilung scheint mir gelungen: Sie geben das Beste was sie haben, Geld – Euro nicht Dollar – und Helmut Schmidt gibt das Beste was er hat: den großen Namen. So wird der Preis doppelt wertvoll. Dafür Dankeschön!

“We are all worms, but I do believe I am a glow worm”, hat einst Winston Churchill über sich gesagt; Wir sind alle Würmer, aber ich glaube, ich bin ein Glühwürmchen. Mit Fug und Recht hätte das auch Helmut Schmidt über sich sagen können.

Herr Bundeskanzler, Sie leuchten, heute Abend und hoffentlich noch lange. Sie haben über die Jahrzehnte eher an Leuchtkraft zugelegt. Und ich glaube, das liegt nicht so sehr an Ihnen, sondern an der Gesellschaft drum herum. Werte, die für sie selbstverständlich waren und sich durch alle Reden, Aufsätze und Bücher ziehen – Werte wie Gradlinigkeit, Unbestechlichkeit, wo nötig Härte, Verantwortung, Führung aber auch Tapferkeit, “Ohne Tapferkeit”, haben sie mal gesagt, “werden sie mit dem Leben nicht fertig, jemand der damit Schwierigkeiten hat, muss noch erwachsen werden” – all das gilt heute als Besonderheit, als fast schon schrullige Spezialität.

Aber das darf nicht sein. Ich verstehe den nach Ihnen benannten Preis daher auch als Ermunterung, unbequem und unabhängig zu sein. Was sie die Politik formuliert haben gilt ja in Wahrheit auch für die Publizistik:

Unsere Währung ist Glaubwürdigkeit, und der Goldstandart für diese Glaubwürdigkeit ist Unbestechlichkeit im Urteil. Die offene Gesellschaft braucht den offenen Journalisten.

Ich sage das nicht, um Helmut Schmidt zu schmeicheln, um ihn und uns nostalgisch zu wärmen. Ich sage das, um Sie und uns zu warnen. Die liberale Presse wie sie Rudolf Augstein verstand war – ich zitiere – frei von jeder aufgezwungenen Richtung und nur ihren Vorurteilen und Irrtümern unterworfen. Diese freie Presse sehe ich heute von zwei Seiten in Gefahr:
Die einen wollen die Wirklichkeit wieder im trüben Licht der Gesinnung inszenieren. Wir müssen ihnen zeigen wo die Tür ist. Links sein und rechts sein bedeutet doch in der heutigen Arena dasselbe: bequem sein, geistig träge sein, das Urteil von gestern zu konservieren und wie der Schalterbeamte bei der Post alles damit durch zu stempeln. Links, rechts, links, rechts. Viele Blattmacher kippen in ihrer Not beides ins Blatt, links und rechts, aber der Proporz-Journalismus ist nichts anderes als die “Selbstverzwergung” unserer Zunft.

Die andere Gefahr ist die Gleichgültigkeit am Politischen, diese offenbar ja unersättliche Gier nach Unterhaltung, Zerstreuung, die eigene Verblödung in Kauf nehmend. Das nunmehr politikfreie Sat-1 Fernsehen ist das trostlose Flaggschiff dieser Flotte.

Diese beiden Zeitgeister haben in unseren Pressehäusern nichts zu suchen. Lasst sie uns, wenn wir ihnen begegnen, vertreiben: Wir brauchen das Politische, nicht das Läppische. Oder um es mit Churchill zu sagen: Glühwürmer gesucht, keine Würmchen!

Womit wir bei der Demokratie wären. Sie ist wunderbar, aber sie hat, wie jeder weiß, auch ihre Tücken. Sie ist die Umverteilung der Macht von oben nach unten. Am laufenden Band macht sie aus Gewinnern Verlierer – und umgekehrt. Ich begrüße sehr herzlich den Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust. Das Amt ist dahin, der Respekt vor dieser enormen, 13 Jahre währenden Kraftanstrengung bleibt. Ich vermute, er wird mit der Zeit eher noch wachsen.

Aber Demokratie ist keine Spielerei. Sie kann vor allem eines nicht leisten: Sie kann nicht Führung ersetzen. Führung, wieder eines dieser Schmidt-Worte! Wir alle wissen: Demokratie muss Führung möglich machen. Sie darf Autorität entziehen, aber immer nur mit dem Ziel eine neue Autorität hervorzubringen.

Muss eine gute Führungsfigur beliebt sein? Helmut Schmidt, der von der Partei respektierte, aber nicht geliebte, wurde das oft gefragt. Seine Antwort lautete: “Man möchte nicht nur Zustimmung haben, man braucht sie auch. Mir ist aber lieber, die Zustimmung kommt aus dem Hirn als aus dem Urin.”

Meine Damen und Herren, Herr Bundeskanzler, ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.