Monatsarchiv für April 2010

Gabor Steingart

Amerika: Time to say Good-bye

klaus_schariothMontag, den 29. März 2010
Heute ist der Abend des Abschieds gekommen. Wir laden gute Freunde und Wegbegleiter zu einer „Farewell Reception“. Unter den Gästen befindet sich der Deutsche Botschafter in Amerika, Dr. Klaus Scharioth, Stephan von Stenglin aus dem Vorstand des Weltwährungsfonds, der Finanzchef der US-Army unter George W. Bush, Peter Kunckel, und John Rogers aus dem State Department, der demnächst als Experte für Wirtschaftsfragen in die US-Botschaft nach Berlin wechselt. Aber auch zahlreiche journalistische Wegbegleiter haben den Weg in die M-Street-Bar „MeAndYou“ gefunden: Darunter mein Freund und Vorbild Peter Ross-Range, der einst als Time Magazine Korrespondent in Berlin dabei war als Benno Ohnesorg erschossen wurde und später dann aus dem umkämpften Vietnam berichtete.

ross-range-thumbEs wird höchste Zeit, das die Steingart Familie das Land verlässt, sage ich in meiner kurzen Abschiedsrede. Die Amerikanisierung der Familie sei bereits weit fortgeschritten. Der jüngste Sohn besitzt nicht mal einen deutschen Pass, die älteste Tochter singe schon am Frühstückstisch „This Land is my Land“ und die mittlere Tochter gibt in der Schule als Berufswunsch an, sie wolle Soldatin werden. Nur die Eltern tun sich zuweilen schwer mit dem Gastland, zum Beispiel seinen Waffengesetzen.
Die Spiegel-Redaktion in Berlin hatte meiner Frau Andrea und mir vor drei Jahren zum Abschied einen Schiesskurs in Virgina geschenkt, „Waffe und Munition eingeschlossen“. Der Gutschein blieb hinter Glas, Andrea reichte ihn nun an meinen Nachfolger in Washington weiter, mit der Bitte davon keinen Gebrauch zu machen. Möge dem Schiesskurs ein Leben als „Wanderpokal“ von Spiegel-Korrespondent zur Spiegel-Korrepondent beschieden sein. Ich wünsche Markus Feldenkirchen allen erdenklichen Erfolg als neuer Bürochef.

obama_BM_Berlin_Sha_861111gSonntag 21. März 2010
Heute ist ein glücklicher Tag für Amerika. Die grosse Gesundheitsreform fand eine Mehrheit im Kongress. Die über 30 Millionen Menschen, die bisher ohne Gesundheitsversicherung lebten, werden künftig gegen die grossen Krankheistrisiken abgesichert sein. Viele von ihnen werden zum ersten Mal einen Arzt sehen. Rund 130 Jahre nach Gründung des deutschen Gesundheitssystems unternimmt nun auch das Kernland des Kapitalismus diesen Schritt in Richtung mehr Menschlichkeit. Präsident Obama wird damit in die Geschichtsbücher eingehen. Aber die politischen Risiken des Triumphes sind auch nicht zu übersehen. Ich schreibe dazu einen Radio-Kommentar für den NDR.

Gabor Steingart

Das neue Handelsblatt schläft nicht mehr

Mittwoch, den 10. März 2010
Im Interview mit Oliver Trenkamp vom Medium-Magazin sprechen wir über meinen Abschied vom “Spiegel” und die Pläne für das “Handelsblatt”.

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Gabor Steingart

Mitt Romney: Frontrunner und Langweiler

mittromneyFreitag, den 5. März 2010
Der National Press Club hat zum Mittagessen mit dem ehemaligen Gouverneur von Massachusetts Mitt Romney geladen. Offiziell stellt der Republikaner sein neues Buch vor, in Wahrheit aber testet er das Wasser für eine erneute Präsidentschaftskandidatur. Bei den Konservativen hat es durchaus Tradition sich mehrfach zu bewerben, auch Bush Senior, Nixon und McCain haben es erst im zweiten Anlauf zum Präsidentschaftskandidaten gebracht.
Barack Obama steht in der Gunst der Wähler momentan eher schlecht da und Mitt Romney liegt in den parteiinternen Umfragen vor Sarah Pallin. Das garantiert ihm eine gewisse Aufmerksamkeit an diesem Tag. Doch der Mann kann nicht aus seiner Haut. Wohlwollend gesprochen ist er besonnen und abgewogen. Deutlicher gesagt: Er ist langweilig. Er will sich vor allem nicht festlegen. Er ist gegen die Gesundheitsreform der Demokraten, aber er kann nicht so recht erklären, warum. Er ist gegen eine Kooperation mit der regierenden Adminstration, grenzt sich aber von den Krawallbrüdern der eigenen Partei ab. Als ich zum Essen komme, bin ich entschlossen eine West-Wing-Kolumne für Spiegel-Online zu schreiben. Aber ich kann nicht. Mein Block ist, von ein paar Strichmännchen abgesehen, leer.

Gabor Steingart

New York: Robert Rubin

robert-rubinDienstag, den 2. März 2010
Der ehemalige Finanzminister Robert Rubin und heutige Bank-Aufsichtsrat ist in ein kleines New Yorker Theater gekommen, um mit dem Intellektuellen Sebastion Mallaby, Buchautor und Direktor eines Think Tanks in Washington, über die Folgen der Finanzkrise zu sprechen. Rubin ist erkennbar aufgewühlt von den Ereignissen an der Wall Street und ihren Folgen für die Staatsfinanzen. Der Staatshaushalt Amerikas befinde sich in einer “schrecklichen Verfassung”, sagt er. Es bestehe noch immer die “reale Gefahr”, dass die Wirtschaft in eine weltweite Rezession absinke. Die Regierung sei mit ihren Rettungsaktionen, die er im Prinzip begrüsst, bis an den Rand des Möglichen gegangen – und zum Teil wohl auch darüber hinaus. “Aus der Bankenkrise kann schnell eine Krise der Währungen und der Staatsanleihen werden”, sagte er. Die Zuschauer sind so betroffen, dass sie am Ende des Abends fast das Klatschen vergessen.