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Mittwoch, den 3. Februar 2010
Neulich bin ich mit dem Zug nach Stuttgart gefahren, um den Verleger Dieter von Holtzbrinck zu besuchen. Wir haben über Wirtschaft und Politik gesprochen. Und über das Zeitungmachen im Zeitalter des Internet. Er hat mich gebeten, als Chefredakteur die Führung der „Handelsblatt“-Redaktion zu übernehmen. Das ist Ehre und Herausforderung zugleich.

Das in Düsseldorf erscheinende „Handelsblatt“ ist Deutschlands grösste Wirtschafts- und Finanzzeitung. Die Verlegerfamilie hat stets auf Qualitätsjournalismus Wert gelegt. 165 gut ausgebildete Redakteure arbeiten heute für die Zeitung. Mit Auslandsbüros in über 25 Staaten unterhält das „Handelsblatt“ ein Korrespondentennetz, das zu den grössten zählt. Täglich erreicht die Zeitung mit seiner gedruckten Ausgabe, dem Online-Portal und seinen Handynews rund eine halbe Million Menschen.

handelsblatt-1Wir wollen Relevanz und Reichweite des „Handelsblatt“ weiter steigern, so hat Dieter von Holtzbrinck an jenem Abend das gemeinsame Ziel formuliert. Er ist stolz auf das, was viele in der Branche „das Wunder von Hamburg“ nennen. Dort haben „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und der Verlagsleiter Rainer Esser die Auflage, das Ansehen und den Lesespass der Wochenzeitung erkennbar vergrössert. „Die Zeit“ gehört, so wie auch der „Tagesspiegel“ in Berlin, ebenfalls der Verlegerfamilie von Holtzbrinck.

Zusammen mit den Redakteurinnen und Redakteuren des „Handelsblatt“ wollen wir auf dem Gebiet des Wirtschaftsjournalismus diesen Erfolg wiederholen. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit. Etliche Redakteure kenne ich noch aus unserer gemeinsamen Zeit als Schüler der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Die wurde vor 22 Jahren von Ex-Spiegel-Journalist Prof. Ferdinand Simoneit und Dieter von Holtzbrinck gegründet. Wir waren der erste Jahrgang. Das Motto des Schulleiters hat die Jahrzehnte überlebt: „Qualität kommt von Quälen.“

Die heutige Zeit ist ökonomisch schwierig, aber publizistisch reizvoll: Noch nie haben sich mehr Menschen für das Abenteuer Wirtschaft interessiert als heute. Die Exportnation Deutschland steht im Zentrum der globalen Verschiebung von Macht und Wohlstand, die unsere Epoche prägt. In der Biomedizin und in der Kommunikationstechnologie erleben wir eine zweite industrielle Revolution. Es gibt viel zu erklären und viel zu erzählen.

Nicht alles, was sich in der Wirtschaft tut, kann uns gefallen. Viele schauen irritiert auf das Treiben an den Finanzmärkten. Reformen sind notwendig, nicht nur bei den Banken. Unser Staat hat sich mehr Schulden aufgebürdet, als ihm guttut. Eine unabhängige, zuweilen auch unbequeme Stimme der Vernunft, das war das „Handelsblatt“ immer. Sie soll in Zukunft noch deutlicher zu vernehmen sein.

Natürlich fällt der Abschied vom „Spiegel“ schwer. 20 Jahre arbeitete ich für das von Rudolf Augstein gegründete Blatt, das ich immer auch als mein Blatt empfunden habe. Für den „Spiegel“ war ich erst in Leipzig, später in Bonn, Berlin und Hamburg, zuletzt auf jenem Posten, von dem ich schon als Jugendlicher träumte. Andere wollten Lehrer oder Pilot werden, ich wollte als White House Korrespondent in Washington arbeiten. Ich verdanke dem „Spiegel“ viel. Ich werde ihn in Ehren halten. Vermisse tue ich ihn jetzt schon.
Für ein nostalgisches Abschiednehmen ist es noch zu früh. Die Herausforderung „Handelsblatt“ beginnt erst, wenn der Winter sich aus Deutschland verzogen hat.

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